Kommentar
Aufgeschreckte Finanzmärkte

An den Börsen flackert die Angst auf. Der Kursrutsch in den vergangenen Tagen verunsicherte die Anleger kurzzeitig.

Der Deutsche Aktienindex sank am vergangenen Mittwoch so stark wie seit dem Krisenjahr 2002 nicht mehr. Vorbei sind die Zeiten, wo hohe zweistellige Kursgewinne am Jahresende nur noch eingestrichen werden mussten. Künftig gibt es Hausmannskost mit niedrigeren Renditen. Darüber täuscht die leichte Beruhigung von gestern nicht hinweg, daran rüttelt auch nicht, dass heimische Aktien 2006 noch immer deutlich im Plus notieren.

Es zeigt sich: Die Erholung an den Märkten in den letzten Jahren hat alle eingelullt. In Freundeskreisen, aber auch auf den Sitzungen von Anlageausschüssen bei Fonds redeten Feierabend- wie Profianleger meist nur darüber, welch satte Gewinne Ende des Jahres wieder eingestrichen würden. Warum auch nicht! Die Aktienkurse weltweit kannten seit dem Einmarsch der USA in den Irak Anfang 2003 nur eine Richtung: nach oben. Eine Kombination von starkem Industrie- und Gewinnwachstum, niedrigen Zinsen und einer moderaten Inflation bildete einen ausgezeichneten Nährboden für die Börsen. Und nun soll plötzlich die schönste aller Welten vorbei sein?

Das Korn des Misstrauens säte die amerikanische Notenbank Fed mit ihrem neuen Chef Ben Bernanke. Anders als bei seinem Vorgänger Alan Greenspan verstehen die Märkte bis heute nicht, wie Bernanke tickt, wie seine Äußerungen zu deuten sind und was das für die Geldpolitik der wichtigsten Notenbank der Welt bedeutet. Obwohl seit Anfang Februar im Amt, sorgte der neue Fed-Chef immer wieder für Verwirrung. So jüngst, als die Märkte aus einem Gespräch das Ende der Zinserhöhungen ablasen und er dies kurz darauf korrigierte.

Die Anleger haben das Schlimmste angenommen und schlechter als erwartet ausgefallene Inflationsdaten in den USA als ein Warnsignal für eine beschleunigte Geldentwertung interpretiert. In diesem Fall bestünde die Gefahr, dass die Fed mit weiteren Zinserhöhungen reagiert und dabei die US-Wirtschaft ausbremst. Das bliebe nicht ohne Folgen für den Dollar, der schon schwächelt und exportlastige Wirtschaften wie die deutsche belastet, und das drückt die Gewinne der Unternehmen – nur Sorgen für die Börsen.

Doch die gestrige Reaktion der Investoren an den Börsen zeigt bereits deren Realitätssinn: Die Gemüter beruhigten sich. Natürlich bekommen die Anleger künftig kein billiges Geld mehr, da die Europäische Zentralbank die Leitzinsen erhöhen wird. Die Risiken der Investments in Schwellenländern geraten wieder ins Blickfeld. Doch deutsche Unternehmen stehen heute gut da. Gewinne mit heimischen Aktien sind möglich, auch wenn sie kleiner als in den vergangenen Jahren ausfallen.

Anders als die aufflackernde Furcht vor einer härteren Geldpolitik prägt ein Trend die Märkte auch auf längere Sicht: Die Anleger orientieren sich um. Sie interessieren sich stärker für Rohstoffe und Energie. Denn hier sind in den nächsten Jahren auf Grund der wachsenden Nachfrage der Schwellenländer Engpässe zu erwarten. Das führt zwangsläufig zu Preissteigerungen – und macht die Anleger zu Gewinnern, die auf Aktien und Zertifikate aus diesem Bereich setzen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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