Kommentar
Aufstand ohne Mut

Die Aktionäre proben den Aufstand. In Amerika hat sich nach den zahlreichen Wirtschaftsskandalen der letzten Jahre eine wahre Rebellion der Anteilseigner gegen Missmanagement, Arroganz und Vetternwirtschaft auf der Führungsetage entwickelt.

Aber auch in Deutschland gibt es erste Anzeichen dafür, dass die Aktionäre den Vorständen der Unternehmen stärker auf die Finger klopfen. Daimler-Chef Jürgen Schrempp hat dies bei der Hauptversammlung in Berlin bereits zu spüren bekommen. VW-Chef Bernd Pischetsrieder steht der Spießrutenlauf noch bevor.

Verglichen mit der Rebellion jenseits des Atlantiks, nimmt sich die neue Aufmüpfigkeit der Aktionäre aber hier zu Lande eher bescheiden aus. Während im März 43 Prozent der Disney-Aktionäre ihrem Chef Michael Eisner das Misstrauen aussprachen, hielten trotz allen Unmuts immer noch 88 Prozent der Daimler-Investoren Schrempp die Stange. Entsprechend sind die Folgen: Bei Daimler heißt es weiter so, bei Disney verlor Eisner zumindest seinen Posten als Chairman.

Grund für das transatlantische Gefälle in der Aktionärsdemokratie sind die institutionellen Investoren. Die großen Pensions- und Investmentfonds in den USA vertreten aggressiv die Interessen ihrer Anleger. Gestern kündigte zum Beispiel der weltgrößte Pensionsfonds Calpers an, führenden Managern bei Coca-Cola und Citigroup das Vertrauen zu entziehen. Begründung: fehlende Unabhängigkeit und Vetternwirtschaft. In Deutschland schimpfen die institutionellen Anleger zwar auch kräftig, scheuen sich jedoch immer noch, den Vorständen die Quittung zu geben. Bei Daimler war allein der Sparkassenfonds Deka die rühmliche Ausnahme.

Der fehlende Mut der Großinvestoren ist die Folge der persönlichen und wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Finanz- und Unternehmenswelt in Deutschland. Solange die Rücksichtnahme auf befreundete Vorstände mehr wiegt als das Interesse der Anleger, wird die Aktionärsdemokratie hier zu Lande Stückwerk bleiben. So darf man sich deshalb auch nicht wundern, dass in Deutschland zwar alle Welt mehr Transparenz bei den Managergehältern fordert, aber nur zehn der Dax-30-Unternehmen die individuellen Bezüge ihrer Vorstände veröffentlichen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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