Kommentar
Augen auf und durch

Gut, dass es endlich losgeht. Die Zeit der hämischen Spekulationen darüber, was der Mannesmann-Prozess etwa für Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und sein Haus bedeuten könnte, geht am Mittwoch zu Ende.

Gut, dass es endlich losgeht. Die Zeit der hämischen Spekulationen darüber, was der Mannesmann-Prozess etwa für Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und sein Haus bedeuten könnte, geht am Mittwoch zu Ende. Endlich rücken die Fakten über die umstrittene Millionenprämie für Ex-Mannesmann- Chef Klaus Esser in den Mittelpunkt. Endlich haben Kläger und Angeklagte, Zeugen und Gutachter das Wort. Es besteht die Chance, dass sich die bisher von Neidkomplexen dominierte Debatte versachlicht. Doch wer im RTL-Dschungel verfolgt, was Deutschland wirklich bewegt, der muss befürchten, dass der Prozess wie eine neue Seifenoper über die Bildschirme flimmern wird. Jedes neue Detail, jeder Fehler von Ackermann & Co. drohen aufgespießt und zum Stammtischthema zu werden.

Alle Beteiligten vor und hinter der Anklagebank tragen daher eine enorme Verantwortung. Nicht nur für einen fairen Prozess gegen Esser und seine ehemaligen Aufsichtsräte. Im Düsseldorfer Landgericht geht es um viel mehr – vor allem um die real existierende „Corporate Governance“ in der deutschen Wirtschaft, also den hehren Anspruch der verantwortungsbewussten Unternehmensführung. Es geht darum, was Aufsichtsräte und Top-Manager dürfen, ohne sich der Selbstbedienung verdächtig zu machen, und das, was sie im Sinne des Aktien- und Strafrechts unterlassen müssen. Moralische Aspekte spielen bei der juristischen Bewertung keine Rolle. Es geht zudem um den Industriestandort und Finanzplatz Deutschland, der international wettbewerbsfähig bleiben muss – auch bei der Bezahlung und Machtausstattung von Managern. Investoren aus aller Welt verfolgen den Prozess genau und werden ihre Konsequenzen daraus ziehen.

Der Mannesmann-Prozess sollte als Gelegenheit genutzt werden, um Klärungen herbeizuführen, die Wirtschaft und Gesellschaft am Ende eher nützen als schaden werden. Mehr Transparenz, Fingerspitzengefühl und Bescheidenheit in den Chefetagen würden bei Kunden, Mitarbeitern und Aktionären für neues Vertrauen sorgen. Augenmaß muss aber auch die Justiz beweisen, die es künftig wieder dem Markt überlassen sollte, wer wie und wofür bezahlt wird.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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