Kommentar
Ausrüster der Welt

Messen, behaupten deren Macher, sind das Barometer für den Zustand einer Wirtschaft. Daran gemessen befände sich die deutsche Wirtschaft in schlechter Verfassung. Denn die bevorstehende Industriemesse in Hannover leidet unter Schwund an Ausstellern und erwarteten Besuchern – schon wieder einmal.

Doch den heimischen Unternehmen geht es so gut wie lange nicht mehr. Und: Die Manager sind ausgesprochen optimistisch für die Zukunft. Das passt nicht zu den Buchungszahlen in Hannover. Messen, so die Erkenntnis, haben ihre Funktion als Gradmesser für die Konjunktur verloren. Im Zeitalter des Internets und des Onlinehandels als Marktplatz für Waren ohnehin, ließe sich hinzufügen.

Doch der Rückschluss wäre falsch. Es gibt wohl kaum eine Messe wie jene in Hannover, die sich besser als Spiegel des Wandels der deutschen Industrie eignet. Früher wurden in Hannover ganze Stahlwerke verkauft, heute sind es chipgesteuerte Miniaturmaschinen. Früher gab sich die Industrieprominenz der Welt die Hand, heute machen Scharen von namenlosen Einkäufern das Geschäft. Hannover ist unspektakulär geworden - aber nicht unbedeutend.

Ausgerechnet im Jahr des vermeintlich fortschreitenden Niedergangs der Industriemesse ist das öffentliche Interesse nämlich so hoch wie selten. Für Aufmerksamkeit sorgt das Partnerland Indien. Neben China ist dieser Milliarden-Einwohner-Staat zum Streitthema fast jeder Wirtschaftsdebatte mutiert. Den einen als Riesenchance, den anderen als existenzielle Bedrohung ist Indien Symbol für Segen und Fluch der Globalisierung zugleich. Und ausgerechnet dieses Symbol laden wir uns nach Hannover ein?

Früher nannte sich die Industriemesse selbstbewusst „Leistungsschau der deutschen Wirtschaft“. Das zu sagen, traut sich heute keiner mehr. Die Erfolge der Schwellenländer mit eigenen Produkten und Dienstleistungen, die wachsende Verlagerung von Arbeitsplätzen in eben jene Staaten und der Kampf mit den aufstrebenden Nationen um die knappen Energievorräte der Erde haben uns in die Defensive gedrängt.

Warum eigentlich? Natürlich kommen die Inder und andere Aussteller vor allem aus einem Grund nach Hannover: Sie wollen verkaufen und Geld verdienen. Das sollte unsere Unternehmer und Manager nicht daran hindern, noch bessere Geschäfte mit den Indern zu machen. Die boomenden Nationen brauchen Verkehrsmittel und Maschinen, Anlagen zur Energieerzeugung und Rohstoffaufbereitung. Sie haben weder das Know-how noch die Kapazitäten, um ihren rasant wachsenden Bedarf zu decken.

Darin eine Bedrohung zu sehen hieße die Dinge auf den Kopf zu stellen. Deutschland ist längst Ausrüster der Weltwirtschaft. In keinem anderen Land werden, gemessen an seiner Größe, so viele Maschinen und Anlagen eingekauft. Tendenz steigend. Selbst das wird hier zu Lande eher als Problem gesehen. Da muss erst der Internationale Währungsfonds kommen, um den Deutschen zu sagen: Das ist eure Chance!

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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