Kommentar
Bedrohtes Modell der Industriepolitik

Wäre Gerhard Schröder nicht Kanzler von Deutschland, sondern Bundespräsident der Schweiz – er hätte wohl Angst, sich abgrundtief zu langweilen! Innenpolitisch würde nicht er entscheiden, sondern dauernd das Volk.

Und die Rolle des Helden, der in Not geratene Unternehmen rettet, ist in der Schweiz nicht zu besetzen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Der Fluggesellschaft Swiss greift die Politik unter die Flügel, und das Bankgeheimnis verteidigt sie energisch. Das wäre es dann aber auch schon. Die Wirtschaft funktioniert weitestgehend ohne die Hilfe der Politik. Wahrscheinlich würde Schröder dauernd in Deutschland Urlaub machen.

Von dort aus könnte er beobachten, was „seine“ Schweizer Unternehmen so treiben: Die Banken fusionieren ohne sein Zutun und erobern in der Vermögensverwaltung weltweit führende Plätze. Industriegüterkonzerne wie ABB rappeln sich aus eigener Kraft wieder auf. Medienunternehmen wie Ringier erobern von der Schweiz aus beinahe sämtliche neuen EU-Mitgliedsländer und entgehen so der Verlagskrise.

Lebensmittelmultis wie Nestlé gelingt es dank innovativer Produkte, selbst den satten Europäern noch Appetit auf mehr zu machen. Biochemie-Spezialisten wie Syngenta dürfen ungestört am Genmais forschen. Die Pharmabranche trägt erheblich zur Urlaubslaune des Präsidenten bei: Wenn es irgendwo auf der Welt einen Aufsehen erregenden Zusammenschluss gibt, kann er sicher sein, dass eine Schweizer Pharmafirma entweder als Angreifer oder weißer Ritter genannt wird.

Angesichts einer Arbeitslosenquote, die in Deutschland als Vollbeschäftigung deklariert würde, sind Feuerwehreinsätze für Arbeiter bei den Eidgenossen nicht sonderlich gefragt. Wer seinen Job verliert, hat auch so reelle Chancen, rasch einen neuen zu finden.

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