Kommentar
Beruf statt Berufung

Die gute Nachricht: Deutschlands Konzernkontrolleure geben sich wieder bescheidener. Nach dicken Zuschlägen früherer Jahre verleiten selbst explodierende Firmengewinne kaum mehr dazu, den Bogen zu überspannen.

Mehr noch: Feste Tantiemen gewinnen an Gewicht, die Zeiten teilweise skandalöser variabler Vergütungen sind offensichtlich vorbei. Dividenden haben als Maß aller Dinge ausgedient.

Stattdessen müssen Firmenkontrolleure ihre Arbeit an betriebswirtschaftlichen Ertragskennziffern messen – wie die Manager. Kurzum: In den Aufsichtsratsgremien ist Vernunft eingekehrt. Die Einsicht, dass außergewöhnliche (Gewinn-)Ereignisse keine ausreichende Begründung für ebenso außergewöhnliche Vergütungen sind, hat sich breit gemacht. Aufsichtsräte, das scheinen die jüngsten Daten über die Vergütung zu signalisieren, haben ihre Rolle im System der Unternehmensführung gefunden. Genauer sogar: im System der guten Unternehmensführung, auf Neudeutsch Corporate Governance genannt.

Dass die Entlohnung für geleistete Arbeit angemessen sein muss, steht außer Frage. Das sollte gerade für Aufsichtsräte gelten. Allzu lange galten Kontrolljobs in deutschen Unternehmen als Nebenerwerb. Schon der Name „Sitzungsgelder“ sagt alles. Diese waren bei einigen Konzernen höher als die Vergütung der eigentlichen Arbeit der Räte. Eigentlich müsste es sogar „Gehalt“ heißen, damit jeder damit Leistung assoziiert.

Doch genau hier liegt das Problem. Die Normalisierung bei der Vergütung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um die Qualität der Aufsichtsratsarbeit in Deutschland keineswegs zum Besten bestellt ist. Im internationalen Maßstab wettbewerbsfähige Tantiemen sind längst keine Garantie für gute und unabhängige Unternehmenskontrolle.

Noch immer gibt es Aufsichtsräte, die nach der Pfeife ihres Vorsitzenden tanzen, Widerspruch zwecklos und unerwünscht. Noch immer sitzen Kontrolleure ihre Zeit ab, bereiten sich allenfalls auf der Anreise zum Termin vor, nicken Beschlussvorlagen ab. Und noch immer blockiert bei vielen Konzernen die ständige Suche nach Kompromissen zwischen Arbeitnehmerbank und Anteilseignern wichtige Entscheidungen. Hinzu kommt: Einige aktive Manager sammeln Aufsichtsratsposten wie andere Leute Briefmarken. Woher diese Herren die Zeit nehmen, anderen Managern aus ganz fremden Branchen sach- und fachgerecht auf die Finger zu sehen, das bleibt ihr Geheimnis.

Das alles hat mit einer guten Governance wenig zu tun. Das alles ist aber keine neumodische Erfindung angelsächsischer oder sonst welcher Investoren. Schon das gute alte Aktiengesetz schreibt vor, dass ein Aufsichtsrat die Arbeit des Vorstands zu überwachen habe. Dafür bräuchte er keinen Druck der Finanzmärkte. Auch die Aufregung, die so manche Private-Equity-Investoren unter heimischen Firmenkontrolleuren auslösen, hat weniger mit deren ungewöhnlichen Methoden oder forschem Auftritt zu tun als vielmehr mit der Schlafmützigkeit einiger Aufsichtsräte.

Eine wirklich gute Governance wird es deshalb erst dann geben, wenn Aufsichtsräte ihren Job als Beruf, nicht nur als Berufung betrachten. Das Gehaltsniveau stimmt schon mal.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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