Kommentar
Big Data für Big Brother

Der nächste Skandal für US-Präsident Obama: Der Geheimdienst NSA darf die Telefondaten von Millionen Amerikanern sammeln – und stellt so ein ganzes Volk unter Generalverdacht.
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Es ist Vorgang, auf den das abgenutzte Wort Skandal wirklich passt: Der US-Geheimdienst NSA darf in den Telefondaten von Millionen Amerikanern herumschnüffeln – mit Erlaubnis der Regierung und ohne jeglichen konkreten Verdacht. Die Überwachung sei ein „wichtiges Werkzeug zum Schutz der Nation vor terroristischen Bedrohungen“, rechtfertigt sich das Weiße Haus jetzt, da die jahrelange Praxis bekannt wird. US-Präsident Barack Obama, der ansonsten doch die Bürgerrechte predigt, billigt also, dass der Geheimdienst die Bürger seines Landes unter Generalverdacht stellt.

Worum geht es genau? Der Telefonanbieter Verizon ist aufgrund einer geheimen Anordnung verpflichtet, Informationen über Millionen von Kunden zu übermitteln, wie der britische „Guardian“ enthüllt hat. Ob andere Firmen auch betroffen sind, ist unklar. Gesetzliche Grundlage ist der Patriot-Act, den die US-Regierung unter George W. Bush in der Panik nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erlassen hatte.

Die NSA erhält – außer dem konkreten Inhalt des Gespräch – so ziemlich alle Informationen, die Verizon speichert: die Telefonnummern der Beteiligten, Aufenthaltsort, Uhrzeit und Gesprächsdauer etwa. Das dürfte dem Nachrichtendienst locker ausreichen, um detaillierte Profile der betroffenen US-Bürger zu erstellen. Und von manchen Ausländern. Dann nämlich, wenn sie mit Amerikanern telefonieren, die bei Verizon unter Vertrag sind. Zum Beispiel in Deutschland.

Wer spricht mit wem? Und wer hält sich wann wo auf? In der hypervernetzten Welt ist das Telekommunikationsverhalten fast wie ein Fingerabdruck. Wer es kennt, weiß über den Einzelnen womöglich mehr als dieser selbst – zumal die heutigen Möglichkeiten zum Speichern und Auswerten von Daten so potent sind, dass den Schnüfflern nichts verborgen bleibt. Big Data für den Big Brother. Nicht umsonst hat deswegen in Deutschland das Bundesverfassungsgericht der Vorratsdatenspeicherung hierzulande enge Grenzen gesetzt. Ob die NSA nur nach Terroristen fahndet oder auch nach anderen Dingen sucht? Das weiß niemand.

Der Republikaner George Bush schreckte nicht davor zurück, die US-Bürger zu überwachen. Da Barack Obama diese Praxis nicht beendet, ist klar: Der frühere Anwalt für Bürgerrechte achtet die Verfassung nicht mehr als sein Vorgänger. Dass die US-Steuerbehörde IRS gezielt Oppositionsgruppen überprüfte und das Justizministerium die Telefondaten von Journalisten ausspionierte, passt ins Bild eines Präsidenten, der seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Kommentare zu " Kommentar: Big Data für Big Brother"

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  • Patriot-Act ..... das Himmelstor für den Geheimdienst!

    ...auch in Deutschland ??????

  • In "wired April 2012" stand als Titelstory ein fundierter Artikel über die Datensammelwut der NSA.

    Nun könnte man B.Frnklin's GEdanken über Freiheit und Sicherheit zitieren. Nur haben die Amerikaner überhaupt keine Wahl in dieser Richtung. Der Patriotismus beider Parteien spült keine anderen Gesinnungen bzw Figuren nach oben als Bush oder eben Obama.

    Immerhin ahnte schon Plato:
    Ich sehe den Untergang eines jeden Staates voraus, in welchem die Herrschenden über dem Gesetz stehen und nicht das Gesetz über den Herrschenden.

    So richten sich die Bürger der USA langfristig selber.

  • Das ist kein Skandal, das ist Staatsterror!

    Wenn man den stoppen will, muß man sämtliche Parlamentarier internieren; am besten in Guantanamo, denn dort gehören sie hin. Das wäre auch eine gute Idee für D.

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