Kommentar
Blairs Chance in Europa

Tony Blair ist zurzeit der Prügelknabe der EU. Selten ist ein neuer Ratsvorsitzender mit so viel Vorbehalten empfangen worden wie gestern der Brite im Europäischen Parlament in Brüssel. Auch im Club der Staats- und Regierungschefs schimpfen fast alle auf ihn.

Jacques Chirac, Gerhard Schröder und der scheidende EU-Chef Jean-Claude Juncker behandeln den Mann aus Downing Street gar, als sei er der Totengräber Europas. Splendid Isolation – so könnte das Motto seiner EU-Präsidentschaft lauten.

Es könnte aber auch ganz anders kommen. Die Krise hat Energien freigesetzt, die Europas Regenten lange vermissen ließen. Der Leidensdruck ist so groß, dass die Karawane nicht wie früher üblich weiterzieht. So wird endlich über den Unsinn der EU-Agrarpolitik diskutiert. Europas Staatenlenker nehmen die Warnsignale ernst. Sie haben auch keine andere Wahl.

An diesem Wendepunkt ist Tony Blair genau der Richtige für den Führersitz. Der Traum von der großen politischen Dimension Europas ist fürs Erste ausgeträumt. Jetzt muss die EU das Vertrauen der Menschen durch Wirtschaftsreformen zurückgewinnen, die zu mehr Wachstum führen. Nur ökonomische Erfolge werden die Bürger vom Wert der europäischen Gesetzgebung überzeugen. Blair hat sein Land auf die Erfolgsspur gebracht. In Brüssel steht er jetzt vor der Aufgabe, die wirtschaftspolitische Agenda der EU gegen zahlreiche Widerstände voranzubringen.

Wenn sich der Pulverdampf der Schlacht um den Haushalt verzogen hat, wird der Brite zweifellos Verbündete finden. Die Voraussetzung ist allerdings, das er die EU von seinen ehrlichen Absichten überzeugt. Seine bisherigen Lippenbekenntnisse reichen nicht aus. Europa braucht Großbritannien: nicht als abschreckendes Beispiel für einen Blockadekurs, sondern als Blaupause für eine erfolgreiche Wachstumsstrategie.

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