Kommentar

Brasilianer wollen einen Wechsel

Eigentlich will sich Brasilien beim Confederation Cup als Gastgeber für die kommende WM und die Olypmiade empfehlen. Doch Pfeifkonzert, ein brutaler Polizeieinsatz und Studentenunruhen sprechen eine andere Sprache.
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Alexander Busch berichtet für das Handelsblatt aus Brasilien. Quelle: Pablo Castagnola

Alexander Busch berichtet für das Handelsblatt aus Brasilien.

(Foto: Pablo Castagnola)

São PauloDer klare 3-Tore-Sieg der brasilianischen Seleção über Japan beim Eröffnungsspiel des Confed-Cup täuscht nicht darüber hinweg: Auf die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff kommen politisch schwere Zeiten zu. Die aufflammenden Proteste könnten den Anfang vom Ende ihrer Präsidentschaft einläuten.

Es war offensichtlich, dass die Präsidentin und der Fifa-Chef Sepp Blatter völlig überrascht wurden vom minutenlangen Pfeifkonzert, als beide vergeblich versuchten, vor dem Spiel ihre Ansprachen zu halten. Denn eigentlich ist die Präsidentin auch in ihrem dritten Amtsjahr weiterhin populär: Bis vor kurzem noch schätzten zwei Drittel der Brasilianer ihre Regierung positiv ein: Vollbeschäftigung, wachsende Löhne und Gehälter sowie ein kaum gebremster Kredit sorgen dafür, dass der Konsumrausch der Brasilianer anhält, trotz stagnierender Konjunktur und steigender Inflation.

Deshalb gilt sie bei den Wahlen im Oktober nächsten Jahres weiterhin als klare Favoritin für weitere vier Jahre im Amt, genauso wie ihr Vorgänger und Ziehvater Lula es gemacht hat.

Doch in den letzten Wochen sind ihre Popularitätswerte erstmals deutlich auf 57 Prozent abgerutscht. Das Pfeifkonzert jetzt in Brasília und die von der Polizei brutal niedergeschlagenen Proteste bekommen deswegen eine ganz neue Bedeutung. Noch gefährlicher für die Präsidentin sind die seit Tagen immer heftiger werdenden studentischen Unruhen in São Paulo und Rio de Janeiro gegen die Erhöhungen der Busfahrpreise.

Schon mehrfach haben in Brasilien diffus begonnene Studentenunruhen zu politischen Erdrutschbewegungen geführt, etwa bei den Protesten gegen die Generäle oder korrupte Präsidenten. Zwar lassen sich die Proteste in Brasilien nicht mit denen in Istanbul vergleichen von ihrer politischen Tragweite. Dennoch wäre es zu einfach, die Pfiffe im Stadion und auch die Studentenproteste als eine Reaktion der privilegierten Brasilianer gegen die linke Präsidentin zu erklären.

Brasilianer protestieren gegen die „WM für Reiche“
Brazil fans cheer before the team's Confederations Cup Group A match against Japan at the Estadio Nacional in Brasilia
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Das ist ein Bild, wie Brasiliens Regierung es sich vorgestellt hat. Fans jubeln vor dem Confed Cup, der Generalprobe für die WM in einem Jahr.

huGO-BildID: 31581247 Fans pose for pictures as they gather to watch the opening match of the Confederation Cup game between Brazil and Japan on a g
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Bunte Maskottchen posieren mit noch bunteren Fans. Doch abseits des Fußball-Rasens bot sich ein anderes Bild.

FIFA Confederations Cup 2013
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Denn die sogenannte „WM für Reiche“ und die „Gentrifizierung des Fußballs“ am Zuckerhut, wie sie selbst der Sportminister feststellte, treibt derzeit viele Menschen auf die Straßen von São Paulo, Rio de Janeiro und anderen Großstädten.

huGO-BildID: 31572992 Demonstrators protest against the government's expenditure policy for the 2014 FIFA World Cup, on June 14, 2013 in Sao Pa
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Das Ergebnis: Wer derzeit die Nachrichten-Sendungen der großen brasilianischen TV-Stationen einschaltet, sieht immer wieder die gleichen Bilder: Wütende Demonstranten und bewaffnete Polizisten, wie hier noch am Freitag in Sao Paulo.

huGO-BildID: 31580001 People gather near Brasilia's Estadio Nacional Mane Garrincha to protest against the allocation of funds towards the Confe
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Auch in Brasília demonstrierten am Samstag laut Angaben der Organisatoren 1000 Menschen vor dem Stadion - nicht zuletzt eben auch gegen die „Copa da Corrupção“, den Cup der Korruption.

An activist offers a flower to riot police outside the Mane Garrincha National Stadium in Brasilia
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Die Polizei sprach von 500 Leuten, die sich weitgehend friedlich den Weg zum „Mané Garrincha“ bahnten. Bei Blümchen für die Polizeipferde blieb es allerdings nicht.

Riot police spray tear gas at demonstrators outside the Mane Garrincha National Stadium in Brasilia
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Die Polizei ging schließlich mit Tränengas und Gummigeschossen vor, um den Protest aufzulösen.

„Die Brasilianer wollen etwas Neues“, sagt der einflussreiche PR-Berater Duda Mendonça, der Präsident Lula zu seinem Sieg 2002 verhalf. Nach zehn Jahren mit der Arbeiterpartei an der Spitze der Regierung in Brasília würden sich die Brasilianer immer weniger mit dem Erreichten zufriedengeben. „Sie wollen einen Wechsel.“

Die für nächste Woche angesetzten neuen Massenproteste gegen Fahrpreiserhöhungen dürften die Unsicherheit in der Regierung noch weiter erhöhen. Denn die wenig charismatische und eher spröde Präsidentin scheint unfähig, auf die Unruhen und Proteste flexibel reagieren zu können: Sie beschuldigte letzte Woche mehrfach „Chaoten“ und „Schwarzseher“, eine Kampagne gegen die Regierung zu fahren. Doch mit solchen Bemerkungen schießt sich die Präsidentin immer mehr ins Abseits.

Derzeit sieht es so aus, als könnten selbst weitere Siege der Nationalelf die Präsidentin Dilma Rousseff nicht vor einer sinkenden Beliebtheit retten.

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10 Kommentare zu "Kommentar: Brasilianer wollen einen Wechsel"

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  • Ich stimme den vorherigen Kommentaren zu. Darüber hinaus denke ich, dass die junge Demokratie Brasilien gerade das Laufen lernt.
    Auf der Rangliste der Pressefreiheit 2013 der Reporter ohne Grenzen steht Brasilien mit Platz 108 auf den hinteren Rängen. Journalisten werden getötet, Medien mit der Regierung gleich geschaltet. Lula ist von der Opposition an die Macht gekommen und hat eine funktionierende Opposition praktisch abgeschafft bzw. diese hat sich (siehe Punkte oben) nicht wieder vernünftig entwickelt.
    Doch die neue Mittelschicht möchte sich frei entfalten, mit Pro- und Contra.
    Demokratie in dem Sinne der Wahlmöglichkeit ist in Brasilien noch nicht etabliert.
    Schauen wir gespannt auf die zukünftige Entwicklung.

  • Ich kenne Brasilien seit 13 Jahren, lebe seit 2001 zeitweise in Salvador, Bahia und seit 2 Jahren fest in diesem Lande. Das Land ist wunderschön, aber ein beachtlicher Teil der Bevölkerung hat dieses Land nicht verdient. Brasilien steht zwar wirtschaftlich, vor allem wegen seiner Rohstoffe, am besten da im Vergleich mit Argentinien, Chile und Mexiko, aber die Korruption vom kleinen Bürgermeister bis in die höchsten Kreise der Politik, die Kriminalität auch innerhalb der Polizei, das fehlende logische und präventive Denken sowie ein fehlendes Unrechtsbewusstsein bei einem großen Teil der Bevölkerung, die fehlende Infrastruktur, fehlende Lehrer und ordentliche Schulen, fehlende Ärzte und ordentliche Krankenhäuser, das fehlende Umweltbewusstsein, die hohe Verschuldung der Bevölkerung innerhalb Brasiliens, die hohen Steuern, die hohe Inflation verbunden mit maßlosen Lohn- und Gehaltsforderungen, die vielen Streiks und so weiter werden Brasilien nicht in die Lage versetzen weiter wirtschaftlich voran zu kommen. Das System ist krank. All dies treibt die Leute auf die Straße. Als nächstes wird die Immobilienblase platzen.

  • fahrpreiserhöhung der busse:
    der fahrpreis von gewöhnlichen bussen wurde in rio
    von R$ 2,75 auf R$ 2,95 erhöht
    der von klimatisierten bussen wurde
    von R$ 2,85 auf R$ 2,95 erhöht
    der fahrpreis von sonderbussen
    z.B. buss nr. 332 Castello - Taquara wurde
    von R$ 5,75 auf R$ 2,95 gesenkt
    Das sind die Fakten
    Es sind nicht die Fahrpreise, die die Studenten auf die
    Strasse treiben

  • Nunja, zunächst ist es kein Märchen, dass die Mittelschicht Brasiliens starken Zulauf hat. Es findet ein Transfer von den Einkommensschichten D und E statt, hin zur Klasse C. Keine Frage gibt es in dieser sog. Mittelschicht immernoch eklatante Einkommensunterschiede. Man kann über die PT und Dilma sowie vorher Lula unterschiedlichste Meinungen vertreten. Fakt ist, dass Bolsa Familia und Fome Zero eine Verbesserung der Situation innerhalb der armen Bevölkerungsschicht zur Folge hatte, obgleich die bereitgestellten Mittel für diese Programme lächerliche 0,5% des brasilianischen BIP ausmachen. Die Studenten Brasiliens kommen überwiegend aus gut situiertem Hause und leiten die derzeitige Protestbewegung. Es geht nicht um 20 Centavos für den ÖPNV, sondern um viel mehr. Es geht um den Protest gegen eine sehr einseitige Politik, die in den Augen vieler junger Studenten gerade sie vernachlässigt. Es geht um das schaffen falscher Anreize und die profund sitzende Korruption, die das Land in Ketten legt. Ob sich eine Bewegung daraus entwickeln wird, die langfristig für ihre Rechte zu protestieren bereit ist und dem Land eine neue Richtung geben wird, muss sich zeigen.

  • Brasilien ist eine getarnte Diktatur, die oft beneideten lebensfrohen Brasilianer werden mit Bolsa familia, etc. und Fussball ruhiggestellt und die Medien gaukeln den Leichtgläubigen eine wunderbare Situation vor. Mehr und mehr Brasilianer reisen jetzt ins Ausland und sehen wie bescheiden die Sitution tatsächlich ist. Da nützen auch wirtschaftliche Abschottung und Propaganda nicht.

  • Die Medaillen haben immer zwei Seiten. Man sollte nicht vorschnell von degenerierten Deutschen sprechen. Ich habe lange Zeit in Brasilien gewohnt und finde die PT gehört geschlossen auf die Anklagebank. Man erntet die Früchte, die Fernando Henrique Cardoso gesät hat und hat keine, aber auch gar keine eigenen Ideen - wie man jetzt sieht, wo die Wirtschaft stottert. Da will man FHC wieder kopieren. Das Land hat alles, um unter den Top-3 der Wirtschaftsnationen zu sein, nur sorgt die Armut dafür (die Geschichten über die Mittelklassen sind billige Propaganda; die definierte Mittelklasse kann von ihrem Einkommen in einer Stadt wie Sao Paulo gar nicht überleben), dass sich korrupte Politiker mit direkten oder indirekten Stimmenkäufen (Bolsa Familia; Minha Casa, Minha Vida) an der Macht halten. Fakten werden von den brasilianischen Medien gerne verdreht (immer noch) aber es gibt sie, und wer sich sie Mühe macht sie zu finden und zu lesen, weiß wie es um das Wachstum bestellt ist. Wie die Regierung es geschafft hat einen Weltkonzern wie Petrobras zu ruinieren, sucht seinesgleichen (immerhin hat man ihnen jetzt Steuerschulden in Milliardenhöhe gestundet. Also immer schon bei den Fakten bleiben, ist in Brasilien nicht so populär, aber kommt der Wahrheit näher.

  • Lieber Herr Busch, die Überschrift Ihres Kommentars hätte lauten müssen: Die Zuschauer im Stadion in Brasilia wollen einen Wechsel und halten von der FIFA und dessen Präsidenten überhaupt nichts. Zudem darf bezweifelt werden, dass im Stadion viele Dilma Wähler (-innen) mangels finanzieller Möglichkeiten anwesend waren. Ihnen ist sicherlich auch aufgefallen, dass die Proteste vor allem in SP und Rio kurz vor Beginn des Confed Cups gewalttätig wurden. Man kann von der Arbeiterpartei und von Dilma / Lula halten was man will, in deren Amtszeit hat sich Brasilien (vor allem die aufstrebende Mittelschicht) hervorragend entwickelt. Natürlich werden viele jetzt einwenden, aber es gibt noch viel zu viele Menschen, die in Armenvierteln leben müssen und kaum Aufstiegschancen haben, die Infrastruktur des Landes ist furchtbar, die Korruption ist noch immer substantiell und die Lebensfreude der Brasilianer (innen) ist zu groß. Diese Phänomene wird nur ein nicht zu erwartender Kulturwandel in der Bevölkerung bewirken können.

  • Sie sind wohl nicht ganz bei Trost? Von verbrecherischem Regierungsgesindel kann man wohl eher in Brasilien sprechen, wo sogar eine verurteilte Bankräuberin im Präsidentenpalast residiert!

  • Man sollte als Auslaender sehr zurueckhaltend sein mit Kritik an Situationen in Laendern in denen man nicht lange Jahre wohnt!
    Wieso eigentlich diskutiert ein Deutscher immer dann oeffentlich ueber Situationen in Landern in denen protestiert wird?
    Sicher nur deshalb, weil er als degenerierter Deutscher im eigenen Land zu traege ist zu protestieren, obwohl es gerade in Deutschland seit drei Jahren, mehr als irgendwo anders auf der Welt, an der Zeit waere, das verbrecherische Regierungsgesindel zum Teufel zu jagen!

  • "Brasilianer wollen einen Wechsel."

    Das Problem ist nicht die Parteizugehörigkeit, sondern die Nationalität.

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