Kommentar
Brasilianer wollen einen Wechsel

Eigentlich will sich Brasilien beim Confederation Cup als Gastgeber für die kommende WM und die Olypmiade empfehlen. Doch Pfeifkonzert, ein brutaler Polizeieinsatz und Studentenunruhen sprechen eine andere Sprache.
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São PauloDer klare 3-Tore-Sieg der brasilianischen Seleção über Japan beim Eröffnungsspiel des Confed-Cup täuscht nicht darüber hinweg: Auf die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff kommen politisch schwere Zeiten zu. Die aufflammenden Proteste könnten den Anfang vom Ende ihrer Präsidentschaft einläuten.

Es war offensichtlich, dass die Präsidentin und der Fifa-Chef Sepp Blatter völlig überrascht wurden vom minutenlangen Pfeifkonzert, als beide vergeblich versuchten, vor dem Spiel ihre Ansprachen zu halten. Denn eigentlich ist die Präsidentin auch in ihrem dritten Amtsjahr weiterhin populär: Bis vor kurzem noch schätzten zwei Drittel der Brasilianer ihre Regierung positiv ein: Vollbeschäftigung, wachsende Löhne und Gehälter sowie ein kaum gebremster Kredit sorgen dafür, dass der Konsumrausch der Brasilianer anhält, trotz stagnierender Konjunktur und steigender Inflation.

Deshalb gilt sie bei den Wahlen im Oktober nächsten Jahres weiterhin als klare Favoritin für weitere vier Jahre im Amt, genauso wie ihr Vorgänger und Ziehvater Lula es gemacht hat.

Doch in den letzten Wochen sind ihre Popularitätswerte erstmals deutlich auf 57 Prozent abgerutscht. Das Pfeifkonzert jetzt in Brasília und die von der Polizei brutal niedergeschlagenen Proteste bekommen deswegen eine ganz neue Bedeutung. Noch gefährlicher für die Präsidentin sind die seit Tagen immer heftiger werdenden studentischen Unruhen in São Paulo und Rio de Janeiro gegen die Erhöhungen der Busfahrpreise.

Schon mehrfach haben in Brasilien diffus begonnene Studentenunruhen zu politischen Erdrutschbewegungen geführt, etwa bei den Protesten gegen die Generäle oder korrupte Präsidenten. Zwar lassen sich die Proteste in Brasilien nicht mit denen in Istanbul vergleichen von ihrer politischen Tragweite. Dennoch wäre es zu einfach, die Pfiffe im Stadion und auch die Studentenproteste als eine Reaktion der privilegierten Brasilianer gegen die linke Präsidentin zu erklären.

„Die Brasilianer wollen etwas Neues“, sagt der einflussreiche PR-Berater Duda Mendonça, der Präsident Lula zu seinem Sieg 2002 verhalf. Nach zehn Jahren mit der Arbeiterpartei an der Spitze der Regierung in Brasília würden sich die Brasilianer immer weniger mit dem Erreichten zufriedengeben. „Sie wollen einen Wechsel.“

Die für nächste Woche angesetzten neuen Massenproteste gegen Fahrpreiserhöhungen dürften die Unsicherheit in der Regierung noch weiter erhöhen. Denn die wenig charismatische und eher spröde Präsidentin scheint unfähig, auf die Unruhen und Proteste flexibel reagieren zu können: Sie beschuldigte letzte Woche mehrfach „Chaoten“ und „Schwarzseher“, eine Kampagne gegen die Regierung zu fahren. Doch mit solchen Bemerkungen schießt sich die Präsidentin immer mehr ins Abseits.

Derzeit sieht es so aus, als könnten selbst weitere Siege der Nationalelf die Präsidentin Dilma Rousseff nicht vor einer sinkenden Beliebtheit retten.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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  • Ich stimme den vorherigen Kommentaren zu. Darüber hinaus denke ich, dass die junge Demokratie Brasilien gerade das Laufen lernt.
    Auf der Rangliste der Pressefreiheit 2013 der Reporter ohne Grenzen steht Brasilien mit Platz 108 auf den hinteren Rängen. Journalisten werden getötet, Medien mit der Regierung gleich geschaltet. Lula ist von der Opposition an die Macht gekommen und hat eine funktionierende Opposition praktisch abgeschafft bzw. diese hat sich (siehe Punkte oben) nicht wieder vernünftig entwickelt.
    Doch die neue Mittelschicht möchte sich frei entfalten, mit Pro- und Contra.
    Demokratie in dem Sinne der Wahlmöglichkeit ist in Brasilien noch nicht etabliert.
    Schauen wir gespannt auf die zukünftige Entwicklung.

  • Ich kenne Brasilien seit 13 Jahren, lebe seit 2001 zeitweise in Salvador, Bahia und seit 2 Jahren fest in diesem Lande. Das Land ist wunderschön, aber ein beachtlicher Teil der Bevölkerung hat dieses Land nicht verdient. Brasilien steht zwar wirtschaftlich, vor allem wegen seiner Rohstoffe, am besten da im Vergleich mit Argentinien, Chile und Mexiko, aber die Korruption vom kleinen Bürgermeister bis in die höchsten Kreise der Politik, die Kriminalität auch innerhalb der Polizei, das fehlende logische und präventive Denken sowie ein fehlendes Unrechtsbewusstsein bei einem großen Teil der Bevölkerung, die fehlende Infrastruktur, fehlende Lehrer und ordentliche Schulen, fehlende Ärzte und ordentliche Krankenhäuser, das fehlende Umweltbewusstsein, die hohe Verschuldung der Bevölkerung innerhalb Brasiliens, die hohen Steuern, die hohe Inflation verbunden mit maßlosen Lohn- und Gehaltsforderungen, die vielen Streiks und so weiter werden Brasilien nicht in die Lage versetzen weiter wirtschaftlich voran zu kommen. Das System ist krank. All dies treibt die Leute auf die Straße. Als nächstes wird die Immobilienblase platzen.

  • fahrpreiserhöhung der busse:
    der fahrpreis von gewöhnlichen bussen wurde in rio
    von R$ 2,75 auf R$ 2,95 erhöht
    der von klimatisierten bussen wurde
    von R$ 2,85 auf R$ 2,95 erhöht
    der fahrpreis von sonderbussen
    z.B. buss nr. 332 Castello - Taquara wurde
    von R$ 5,75 auf R$ 2,95 gesenkt
    Das sind die Fakten
    Es sind nicht die Fahrpreise, die die Studenten auf die
    Strasse treiben

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