Kommentar
Brücke über den Atlantik

Silvester fassen wir gute Vorsätze, die wir am Dreikönigstag schon wieder brechen. Nicht anders wird es uns wohl mit vielen politischen Versprechen der letzten Tage gehen, zum Beispiel einer schlagenden Vereinfachung des Steuerrechts.

Innenpolitisch sollte man seine Erwartungen im Superwahljahr 2004 recht niedrig hängen: Wir dürfen uns als Bürger schon glücklich preisen, wenn sich die beschlossenen Entlastungen nicht hintenherum in Belastungen verwandeln.

Außenpolitisch gibt es dagegen auch in einem Wahljahr Spielräume. Die gesamte politische Klasse sollte sie vor allem für eine gemeinsame Kraftanstrengung nutzen: Wir müssen dringend eine neue Brücke über den Atlantik schlagen.

Auch wenn die Fest- und Feiertagsredner in beiden Ländern etwas anderes behaupten: Die Beziehungen zwischen den USA und uns sind nicht zur freundschaftlichen Normalität früherer Jahre zurückgekehrt. Sie sind lediglich notdürftig geflickt worden. Bei allen Diskussionen zwischen beiden Regierungen hören wir eine bemühte, übervorsichtige und leicht gereizte Tonlage. Das liegt auch daran, dass Deutschland und Europa eine andere Rolle in der Welt anstreben. Das deutsch- amerikanische Verhältnis muss sich deshalb behutsam wandeln. Aber dafür fehlt es auf allen Ebenen an Vertrauen.

Noch schlimmer ist: In der Nachkriegszeit waren die USA in der deutschen Gesellschaft wohl noch nie so unpopulär wie heute. Man muss sich nur die Flut von zum Teil offen antiamerikanischen Büchern anschauen, die in den letzten zwölf Monaten zu Bestsellern in Deutschland geworden sind. Kein Schriftsteller füllt gegenwärtig bei seinen Lesereisen so große Säle wie Michael Moore: Viele Deutsche machen ihn mit seinen blindwütigen Rundumschlägen gegen die „moral majority“ in den USA zum Kronzeugen ihrer eigenen Vorurteile.

Selbst auf wirtschaftlicher Ebene nehmen die Irritationen zwischen den USA und Deutschland zu. Handelsquerelen, die Verärgerung über die unberechenbare amerikanische Justiz, der Streit um die Auftragsvergabe im Nachkriegsirak, das Gefühl der Benachteiligung im internationalen Wettbewerb – die Liste der bilateralen Ärgernisse wird immer länger. Auch wenn deutsche Unternehmer in der Öffentlichkeit den Eindruck von „business as usual“ vermitteln, im vertraulichen Gespräch äußern sie sich sehr besorgt über die langfristigen Folgen der zunehmenden Entfremdung.

Wir sollten uns nicht den Kopf darüber zerbrechen, wer an diesem Zustand der bilateralen Beziehungen schuld ist, sondern alles daransetzen, ihn wieder zu verbessern. Selbst wenn die These stimmen sollte, dass George W. Bush und die „Bushisten“ in der US-Administration für alles verantwortlich sind, könnte man sich damit nicht zufrieden geben. Nach der Verhaftung Saddams und angesichts einer boomenden US-Wirtschaft wächst die Wahrscheinlichkeit, dass auch der nächste amerikanische Präsident Bush heißen wird. In Deutschland weitere vier Jahre auf einen Neuanfang zu warten wäre verantwortungslos.

Wir brauchen eine neue Initiative junger und unverbrauchter Transatlantiker in Deutschland und den USA. Politiker, Intellektuelle, Wirtschaftsführer und Publizisten sind als geistige Dolmetscher zwischen beiden Ländern gefordert, damit das gegenseitige Verständnis wieder wächst.

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