Kommentar
Chefetage mischt sich in Euro-Debatte ein

Nun wird der Euro zur Chefsache: Unternehmer und Manager der deutschen Wirtschaft sprechen zwar nicht mit einer Stimme - aber sie füllen das politische Vakuum. Viele fürchten die Kosten eines Zusammenbruchs der Euro-Zone.
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Die Debatte über den Euro ist endlich dort angekommen, wo sie (auch) hingehört: auf der Chefetage der deutschen Wirtschaft. Erst haben die Unternehmer und Manager ihre Verbandsfürsten vorgeschickt, jetzt mischen sie sich persönlich in die Debatte über das Schicksal der Gemeinschaftswährung ein. Mittelständler wie Heinrich Weiss sowie Chefs von Dax-Konzernen wie Peter Löscher von Siemens und Michael Diekmann von der Allianz ergreifen jetzt das Wort.

Zuvor hatten bereits Linde-Chef Wolfgang Reitzle und Bosch-Ikone Franz Fehrenbach Stellung bezogen. Dass sie dabei nicht mit einer Stimme sprechen, ist kaum verwunderlich. Wie in der Politik und im Volk gehen auch in der Wirtschaft Meinungen und Interessen in dieser Frage weit auseinander. Entscheidend ist, dass die Debatte endlich offen ausgetragen wird. Sie hilft, das öffentliche Vakuum zu füllen, das eine sprachlose Politik hinterlässt. Ein Eindruck übrigens, der Bundespräsident Gauck dazu veranlasst hat, die Kanzlerin zu einer besseren Erklärung ihrer Politik aufzufordern.

In der Wirtschaft verlaufen die Fronten keineswegs geradlinig zwischen euroskeptischen Großen und euroskeptischen Kleinen. Die Einteilung in angestellte Manager, die ohne den Euro um ihre Auslandsmärkte fürchten, und vollhaftende Familienunternehmer, die durch eine Schuldenunion ihr unternehmerisches Vermächtnis in Gefahr sehen, ist zu simpel. Ein besseres, wenn auch kein abschließendes Bild liefert der Handelsblatt Business-Monitor. Danach wollen drei Viertel der fast 650 repräsentativ befragten Führungskräfte auf jeden Fall den Euro erhalten. Wobei man das „Auf jeden Fall“ besser nicht als „Koste es, was es wolle“ lesen sollte.

Allerdings kann man davon ausgehen, dass die Wirtschaftselite Kosten und Nutzen der Währungsunion sehr kühl und gründlich gegeneinander abwägt. Und diese Güterabwägung dürfte auch der Grund dafür sein, dass Unternehmer und Manager jetzt ihre Zurückhaltung aufgeben und sich in die Arena der Euro-Debatte wagen. Hat doch der Sachverständigenrat gerade errechnet, dass ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone Deutschland die kaum vorstellbare Summe von rund 3,3 Billionen Euro kosten würde. Jeder kann ableiten, was das für Unternehmen, Mitarbeiter und Aktionäre bedeuten würde: Ergebniseinbrüche, Entlassungen und Kursverluste.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass wir zu einer Schuldenunion verdammt sind. Aber die Kosten eines Zusammenbruchs der Währungsunion gegen die ebenfalls enormen Rettungshilfen abzuwägen ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine rationale Debatte über den Euro. Dass dies keineswegs Sandkastenspiele sind für ein nur theoretisches Restrisiko, kann man an den Märkten ablesen: Dort blinken erneut alle Warnlampen.

Die wirtschaftliche Güterabwägung ersetzt nicht die politische. Und die gehört ebenfalls zur Debatte, auch wenn sie sich nicht auf den Cent genau berechnen lässt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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  • @ Stefano

    Es wäre eine Katastrophe, wenn Europa auf dem Altar einer Rechtseinschätzung des Verfassungsgerichtes geopfert würde. Denn etwas anderes als eine Einschätzung kann das Urteil von Voßkuhle nicht sein und damit wird seine Entscheidung in großem Umfang politisch geprägt sein.

    Was sie als Altar einer Rechtseinschätzung bezeichnen ist ein sehr wichtiges Instrument unserer Demokratie und es gewinnt bei der derzeitigen deutschen Politik stark an Wichtigkeit.
    Ausserdem kann ich sie beruhigen: Europa wird es auch weiterhin geben. Vielleicht sieht es etwas anders aus, vielleicht sogar etwas gerechter und mit weniger verlogenen Politkern.

    Schönen Abend noch.

  • @georg.munich
    "Der jüngste Vorschlag des Wirtschaftsforschungsinstitutes DIW zur Einführung einer Vermögens basierten Zwangsanleihe ist wahrscheinlich der gerechteste und machbarste Weg zur allmählichen Entschuldung in Europa."

    Oh mann, dieser Masochismus in Deutschland ist wirklich nicht mehr zu ertragen. Die deutsche Mittelschicht ist der Verlierer des Euros von Anfang an. Informieren sie sich.

    Denken sie die Griechen oder Italiener werden diese Zwangsanleihen bezahlen? Die verstehen es sich der Steuer zu entziehen. Griechenland hat nichtmal ein Katasteramt!
    Der einzige der zahlen wird, ist der deutsche Michel, der sich etwas angespart hat.

    Und wenn die Zwangsanleihe kommt, dann kommt sie nach und nach für alle. Schafe gehören eben geschoren, SO ist das.

    "Schuldenschnitte und Inflation sind auch Optionen, aber dies wird die Realwirtschaft erheblich beeinträchtigen."

    Unsinn, NUR wenn die Banken und ihre Gläubiger, nämlich die Geldelite, auf ihre faulen Forderungen verzichten, wird es der Realwirtschaft irgendwann wieder gut gehen. Wenn Banken pleite gehen, dann ist das der Lauf der Welt. Systemrelevanz ist irrelevant.

    Der Vorschlag die Verluste der Banken und Geldelite, durch Steuerzahler und Zwangsanleihen auszugleichen, ist der absolute Wahnsinn.

    Wir reden hier von Billionen von Euro, kein Steuerzahler der Welt kann diese Summen bedienen.

  • Der jüngste Vorschlag des Wirtschaftsforschungsintitutes DIW zur Einführung einer Vermögens basierten Zwangsanleihe ist wahrscheinlich der gerechteste und machbarste Weg zur allmählichen Entschuldung in Europa.
    Nur müssen diese verzinsbaren Zwangsanleihen direkt in intelligente Arbeit investiert werden. Eine Reduzierung der Schulden (sei es Staat oder Privatbank) muß durch marktfähige Arbeit erfolgen. Denn die Finanzkrise ist wesentlich durch Geldschöpfung (d.h. "arbeitsloses" Vermögen) verursacht, und der Flucht des Privatvermögens aus der Realwirtschft auf der Suche nach sicherem und maximalen Zins.
    Schuldenschnitte und Inflation sind auch Optionen, aber dies wird die Realwirtschaft erheblich beeinträchtigen.

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