Kommentar Das reicht nicht

Christian Wulff hat den Befreiungsschlag gesucht – und nicht gefunden. Zwar entschuldigt er sich für seine Spitzfindigkeit vor dem Landtag, sagt aber nichts zu den Vorteilen, die er in Kauf nahm. Die Affäre geht weiter.
48 Kommentare
Andreas Niesmann ist Redakteur bei Handelsblatt Online. Quelle: Frank Beer

Andreas Niesmann ist Redakteur bei Handelsblatt Online.

(Foto: Frank Beer)

Eigentlich sollte man Christian Wulff dankbar sein: In einer Zeit, in der sich die halbe Republik in vorweihnachtliche Lethargie verabschiedet, produziert er zuverlässig eine Schlagzeile nach der anderen. Damit sorgt der Bundespräsident immerhin dafür, dass kurz vor dem Fest keine Langeweile aufkommt.

Heute also des Dramas nächster Akt: Am frühen Nachmittag entlässt Wulff seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker und kündigt gleichzeitige eine öffentliche Erklärung an. Es ist das Eingeständnis, dass Wulffs bisherige Krisenstrategie – selbst dichtzuhalten und die Aufklärung der Affäre seinen Anwälten zu überlassen – grandios gescheitert ist. Stattdessen will es das Staatsoberhaupt jetzt mit größtmöglicher Offenheit versuchen.

Doch das, was Wulff um kurz nach halb Vier vor der versammelten Hauptstadtpresse zu Protokoll gibt, reicht für einen Befreiungsschlag nicht aus. Ihm sei klar geworden, dass die Umstände seines privaten Hauskredites viele irritiert hätten, sagt Wulff. Und er entschuldigt sich dafür, dass er den Privatkredit bei einer Anfrage im Landtag von Hannover nicht erwähnt habe: „Das war nicht geradlinig, und das tut mir leid.“ So weit, so gut.

Doch in Wahrheit geht es schon lange nicht mehr darum, ob Wulff auf eine Anfrage der Opposition spitzfindig geantwortet hat. Das würden die Menschen ihm vermutlich verzeihen, zumal er damals nur Ministerpräsident und nicht Staatsoberhaupt war. Inzwischen aber ist längst eine andere Frage in den Mittelpunkt gerückt. Nämlich die, ob Wulff überhaupt die charakterliche Eignung für das Präsidentenamt mitbringt.

Die Zweifel daran werden nicht kleiner, zumal Wulff offensichtlich auch bei dem Darlehen, mit dem er einen umstrittenen Privatkredit ablöste, Sonderkonditionen für sich herausgehandelt hat. Für viele Menschen im Land hat es mehr als nur ein Geschmäckle, wenn ein Ministerpräsident beim Tochterinstitut einer Landesbank um die letzten Tausend Euro feilscht. Die große Nähe zum Hannoveraner Unternehmertum einschließlich bezahlter Buchanzeigen und privater Urlaubseinladungen kommt da erschwerend hinzu.

Das alles mag man dem Privatmann Christian Wulff durchgehen lassen. Doch für einen Bundespräsidenten gelten andere Voraussetzungen. Er muss höchsten moralischen Ansprüchen genügen, denn seine Autorität gründet sich nicht auf in der Verfassung verankerte Befugnisse, sondern hängt in erster Linie von der Persönlichkeit des Amtsinhabers ab.

Wulff hat in seiner Rede betont, dass er während seiner Amtszeit keinem seiner Freunde einen Vorteil gewährt habe. Doch zu den Vorteilen, die er selbst in Anspruch genommen hat, schwieg der Präsident. Er sieht sich nach wie vor im Recht und verdrängt, dass vielen Deutschen ein Mann mit Mitnahmementalität im höchsten Staatsamt zuwider ist.

Ausgestanden ist die Affäre damit keineswegs. Es wird neue Fragen geben: Zu dem Kredit bei der BW-Bank und dazu, wer noch alles ein enges Verhältnis zum Präsidenten pflegte. Nach der Rede ist nur eines sicher: Wulff wird auch im neuen Jahr für negative Schlagzeilen sorgen.

Über die Feiertage wird Wulff Zeit haben, darüber nachzudenken, wie er eine weitere Beschädigung des hohen Amtes verhindern kann. Am Ende bleibt nur ein sauberer Weg: Der Rücktritt.

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48 Kommentare zu "Kommentar: Das reicht nicht"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Nur kurz:

    "Können Deutschland und Frankreich gleichzeitig Wahlkampf führen?"

    Naja, Frankreich ist ja jetzt ruckzuck dran und nachdem ich diese Woche in arte dieses wunderbare Portrait von HyperSarko gesehen habe, das mich noch mal an ales erinnert hat, was mir die lezten Jahre so in Sachen HyperSarko aufgestossen war, wird das sicher lustig.

    Sollten sie Zeit haben, vielleicht liegt es ja noch in der arte Videothek.

    Interessant: Den einzigen positiven Punkt, den die ausländischen Journalisten an Sarko lassen, ist seine Haltung zur Rettung der Griechen.

    Sehe ich genau so.

    Aber damit lasse ich es mal gut sein, ich muss jetzt raus auf die Jagd um meine Familie über die Tage mit Vorräten zu versorgen, sprich die Konunktur ankurbeln.

    Liebe Grüße und ein gemütliches Fest.

  • Das Schlimme ist, dass man Herrn Wulff nie wieder Glauben kann - wer einmal lügt, dem glaubt man nicht....

    --> er muss abtreten!

    Auch wenn Herr Gerkens nicht pers. eine Gegenleistung erhalten hat, ist es doch gut möglich, dass die Herren ein Dreiecksgeschäft vereinbart haben:

    - Wulff erhält einen zinsgünstigen Kredit von Geerkens
    - im Gegenzug lässt Wulff einem Geschäftspartner von Hr. Geerkens eine Gefälligkeit zukommen
    - Geschäftspartner von G. Gibt einen Teil der Beute an G ab

    Bei einem solchem Konstrukt, wird es schwierig Herrn G nachzuweisen, dass es irgendeine Gegenleistung für den Günstigen Kredit gab...

  • Das Schlimme ist, dass man Herrn Wulff nie wieder Glauben kann - wer einmal lügt, dem glaubt man nicht....

    --> er muss abtreten!

    Auch wenn Herr Gerkens nicht pers. eine Gegenleistung erhalten hat, ist es doch gut möglich, dass die Herren ein Dreiecksgeschäft vereinbart haben:

    - Wulff erhält einen zinsgünstigen Kredit von Geerkens
    - im Gegenzug lässt Wulff einem Geschäftspartner von Hr. Geerkens eine Gefälligkeit zukommen
    - Geschäftspartner von G. Gibt einen Teil der Beute an G ab

    Bei einem solchem Konstrukt, wird es schwierig Herrn G nachzuweisen, dass es irgendeine Gegenleistung für den Günstigen Kredit gab...



  • @Kleine Korrektur an "Hardy"
    Das forum ist kaun repräsentativ.Der deutsche Michel arbeitet konsumiert und will Wulff nicht entlassen.

    Als Staatsbürgerin habe ich die Pflicht in der Sache Wulff aufzuklären. Der Redakteur beschreibt die Bewertungen von Handlung, deshalb.Der Unterschied ligt nicht im Tun vielmehr im Täter oder einfacher in der Person.

    Aber darum geht es seit Wochen nicht:
    1. Kann der Charakter Wulff den ESM und andere bodenlose Vorgänge beüüglich der Verfassungsmäßigkeit prüfen?
    2. Können Deutschland und Frankreich gleichzeitig Wahlkampf führen?
    3.Kann die Kanzlerin in Mehrheiten im Bundestag suchen?

    Ich meine dass Forum kann sich schnellsten darüber eine Meinung diskutieren und abwägen. Vielleicht könnt ihr im Intanet abstimmen.

    Frohe Festtage und eine gute Weihnachtspause

    Ade

  • Und falls man beim HB nach einem Thema sucht, über das man berichten könnte, wie wär's denn damit

    http://www.guardian.co.uk/business/2011/dec/17/treasury-warned-over-traders-fees

  • Ja, es reicht!

    Und zwar dieser ekelhafte Hang zum journalistischen Rudel***** in einer Zeitung, die besseres zuberichten hätte, sich statt dessen aber lieber an der Treibjagd auf die gerade durchs Dorf torkelnde Sau beteiligt.

    Zum Mitbuchstabieren: Mirist es mittlerweile sch********l, was der Wulf gemacht oder nicht gemacht hat. Kann alles nicht so schlimm sein wie "jüdische Vermächtnisse" oder "Ehrewörter", die über dem Gesetz stehen.

    Hört endlich auf den Leser mit Klatsch und Tratsch zu belästigen.

  • Horstel und Tsabo, es sind Leute wie Sie, die einem die Lust daran verderben, in diesem Forum aktiv zu sein. Ihnen passt eine Meinung nicht und sie greifen den Autor persönlich an. Aber wo steht geschrieben, dass man 60 Jahre alt sein muss, um eine politische Meinung zu haben? Und die Sache mit dem Lebenslauf? Na da würde mich ihrer horstel mal wirklich interessieren. Mein Tipp: Arbeitsloser...
    Der Kommentator hat Recht. Wulff sollte zurücktreten.

  • Horstel und Tsabo, es sind Leute wie Sie, die einem die Lust daran verderben, in diesem Forum aktiv zu sein. Ihnen passt eine Meinung nicht und sie greifen den Autor persönlich an. Aber wo steht geschrieben, dass man 60 Jahre alt sein muss, um eine politische Meinung zu haben? Und die Sache mit dem Lebenslauf? Na da würde mich ihrer horstel mal wirklich interessieren. Mein Tipp: Arbeitsloser...
    Der Kommentator hat Recht. Wulff sollte zurücktreten.

  • Sie haben völlig recht. Diese dümmliche Medienhetze ist nur noch wiederlich und dient nur dazu die Auflage zu steigern. Der bescheidene Lebenslauf von Herrn Niesmann spricht für sich.

  • Natürlich reicht das nicht aus für einen „Befreiungsschlag“; und ein Befreiungsschlag muss es schon sein. Darunter geht nichts, da kennen wir kein Pardon.

    Was immer Wulff auch sagt – danach „ist längst eine andere Frage in den Mittelpunkt gerückt“, wird „es neue Fragen geben“, geht es „in Wahrheit“ um etwas ganz anderes. Dabei bestimmt freilich nicht er, was Wahrheit ist, sondern es sind immer die anderen, die beliebig festlegen können, was darunter zu verstehen sei.

    Und diese anderen können die Latte so hoch legen, wie sie wollen – und sei es drum, dass sie sich dabei mit anmaßender Selbstgerechtigkeit dekuvrieren. Wieso auch, einem Bundespräsidenten sind nach oben keine Grenzen gesetzt, er hat ja schließlich das höchste Amt inne. So muss dieser nicht nur moralischen Ansprüchen genügen, sondern selbstverständlich „höchsten moralischen Ansprüchen“, auch wenn der Unterschied sich jedem Anspruch an vernünftiges Urteilen versagt.

    Ist doch klar, dass da die Zweifel „nicht kleiner werden“ bei einem, von dem man nicht genau weiß, wer noch „ein enges Verhältnis“ zu ihm hatte, der „herausgehandelt hat“, „feilschte“, „Vorteile in Anspruch genommen hat“ und „verdrängt“.

    Nein, so einer kann sagen, was er will. Es wird nie und nimmer die Wahrheit sein.

    Dieser Mann kann nur noch verhindern und zurücktreten.

    Dann und nur dann interessiert uns die Wahrheit nicht mehr.

    Das ist die Logik der im meinungsfreien Raum selbstgerecht agierenden Wahrhaftigen.

    Aufrechte Demokraten sind sie dem Amt schuldig.











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