_

Kommentar: Das Stottern der Geldmaschinen

Für die Hedge-Fonds sind einmal wieder bittere Zeiten angebrochen. Die Verlustmeldungen nehmen zu und einstige Star-Investoren erleben nun Pleiten. Doch die Zeichen lassen auch auf Reformen zugunsten der Kunden hoffen.

Michael Maisch ist Handelsblatt-Korrespondent in London Quelle: Pablo Castagnola
Michael Maisch ist Handelsblatt-Korrespondent in London Quelle: Pablo Castagnola

Wenn es darum geht, den Absteiger des vergangenen Jahres zu küren, dann hätte der New Yorker Hedge-Fonds-Manager John Paulson sicher gute Chancen auf die goldene Zitrone. Noch 2010 galt Paulson als Wunderkind, das alles zu Geld macht, was es anfasst. Berühmt wurde er mit seiner ausgesprochen erfolgreichen Wette auf den Kollaps des US-Häusermarktes vor Ausbruch der Finanzkrise. 2010 soll der Hedge-Fonds-König der Wall Street fünf Milliarden Dollar kassiert haben – das wäre der höchste Gehaltsscheck aller Zeiten.

Anzeige

Doch das sind die Erfolgsgeschichten von vorgestern. 2011 verzockte sich Paulson gleich mehrfach. Sein Glaube an einen ungebremsten Anstieg des Goldpreises erwies sich genauso als Irrtum wie seine Hoffnung auf eine zügige Erholung der amerikanischen Wirtschaft und ihrer Banken. Die Folge: Paulsons wichtigster Fonds „Advantage Plus“ hat der Nachrichtenagentur Reuters zufolge in den vergangenen zwölf Monaten rund die Hälfte seines Wertes verloren.

Vielleicht tröstet es den gestrauchelten Star zumindest ein bisschen, dass er mit seinem Misserfolg nicht allein dasteht. Für viele Politiker in der EU mögen Hedge-Fonds noch immer arglistige Bösewichter sein, die sich heimtückisch gegen den Euro verschworen haben. Doch tatsächlich gehören die Spekulanten selbst zu den Opfern des durch die Schuldenmisere ausgelösten Bebens an den Märkten. Der gesamten Branche von London über New York und Zürich bis nach Singapur geht es so schlecht, wie seit dem Höhepunkt der Finanzkrise nicht mehr.

Die Daten des Informationsdienstes Hedge Fund Research zeigen, dass der durchschnittliche Hedge-Fonds seinen Investoren im vergangenen Jahr ein Minus von rund neun Prozent beschert hat. Damit schneiden Paulson & Co. schlechter ab als die im MSCI-World-Index abgebildeten weltweiten Aktienbörsen, und das, obwohl sich die Hedge-Fonds doch damit brüsten, in allen Marktlagen Geld verdienen zu können.

Im Gegensatz zum Katastrophenjahr 2008, als der durchschnittliche Hedge-Fonds mehr als 20 Prozent an Wert verlor, ziehen die Investoren im Moment ihr Geld allerdings noch nicht in großem Stil ab. Aber je länger die Durststrecke anhält, desto größer wird die Gefahr, dass sich das Drama der Finanzkrise wiederholt, als Scharen von Hedge-Fonds aufgeben mussten, weil die Anleger ihnen das Vertrauen entzogen. Je größer die Enttäuschung der Kunden, desto schneller wird auch der Druck zu Reformen in der umstrittenen Branche wachsen, und Reformen haben die Hedge-Fonds bitter nötig, zumindest wenn man Simon Lack glaubt.

Hedgefonds

Lack hat lange Jahre im Auftrag der New Yorker Großbank JP Morgan in die spekulativen Fonds investiert. Jetzt hat er ein Buch mit dem Titel „Die Hedge-Fonds-Fata-Morgana“ geschrieben. Glaubt man Lack, dann haben Hedge-Fonds dank überhöhter Gebühren und notorischer Intransparenz vor allem die Fondsmanager reich gemacht und nicht die Kunden, die ihnen ihr Geld anvertrauten. Von 1998 bis 2010 hätten die Manager rund 85 Prozent der Gewinne abgeschöpft, die über der Rendite von Staatsanleihen lagen, hat Lack ausgerechnet.

Dafür macht der desillusionierte Banker allerdings nicht die Hedge-Fonds verantwortlich, sondern vor allem unkritische und naive Investoren, die sich jahrelang übervorteilen ließen. Das dürfte sich bald ändern, zumindest dann, wenn den Hedge-Fonds nicht sehr schnell eine überzeugende Ertragswende gelingt. Die Investoren haben viel Geld verloren, die Manager profitierten.

Der Autor ist erreichbar unter: maisch@handelsblatt.com

  • Kommentare
Kommentar: Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran ist bei den Atomgesprächen erneut auf Konfrontationskurs gegangen. Jetzt ist schnelles Handeln gefordert. Kommt es zum Konflikt, stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Kommentar: Was traurige Bilder nicht erzählen

Was traurige Bilder nicht erzählen

Die ARD nimmt in einer Dokumentationsreihe die Arbeitsbedingungen bei prominenten Konzernen aufs Korn. Damit steigt die Chance auf Besserung der Firmen. Gemachte Fortschritte bleiben oft verdeckt.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.