Kommentar
Deep Wendelin

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat am Mittwoch offenbart, dass er beim Kampf um die Vorherrschaft bei Volkswagen wie beim Schachspiel vorgeht. Er hat eine langfristige Strategie, die sich erst Zug um Zug zeigt.

Eine Komplettübernahme von VW sei heute nicht geplant. Das wichtigste an dieser Aussage ist das Wort heute. Beim Schachspiel kann sich die Lage aber schon nach einigen Zügen völlig ändern. Möglich ist eine Komplettübernahme spätestens seit der Option auf eine gewaltige Kapitalerhöhung, die sich der Vorstand auf der nächsten Hauptversammlung genehmigen lassen will. Porsche bereitet sich auf alle Eventualitäten vor und geht so unbeirrt vor wie der Schachcomputer Deep Fritz, der am Dienstag gegen den Weltmeister Wladimir Kramnik gewann.

VW traut Wiedeking als einzigem Hersteller zu, in Zukunft weltweit dem japanischen Autoriesen Toyota Paroli zu bieten. Das ist das übergeordnete und sehr hoch gesteckte Ziel, das Wiedeking nannte. Es geht um die künftige, weltweite Führungsposition in der Automobilindustrie. Nur das hört sich eher nach Ferdinand Piëch, dem Ex-VW-Chef und heutigen Vorsitzenden des VW-Aufsichtsrates sowie Protagonisten der Porsche-Eigentümer an, als nach dem Sportwagenbauer Wiedeking.

Was heute utopisch klingt, soll mit Hilfe von Porsche gelingen. Zug um Zug wie ein Computer verbessert Porsche ständig seine Position. Erst Aufstockung der Beteiligung auf über 27 Prozent mit der Option auf 29,9 Prozent. Nun fordert Wiedeking mindestens drei Sitze im VW-Aufsichtsrat und macht damit den Deal mit Großaktionär Niedersachsen nichtig. Mit dem großen Gegenspieler – Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff – hatte man sich darauf verständigt, dass Wiedeking und Finanzchef Holger Härter in den VW-Aufsichtsrat einziehen und Piech wegen Interessenkollision im kommenden Jahr aus dem VW-Aufsichtsrat ausscheiden und ein Neutraler diesen Posten übernehmen wird. Das hat Wiedeking jetzt mit einem Satz zur Makulatur gemacht. Der Kompromiss stamme noch aus einer Zeit, als Porsche weniger Anteile hatte. Eine deutliche Kampfansage an Wulff.

Einzig wunder Punkt in der Porsche-Strategie ist das VW-Gesetz. Es macht mit seiner Stimmrechtsbegrenzung auf 20 Prozent eine Aufstockung der Beteiligung bislang sinnlos, weil die Stimmrechte nicht ausgeübt werden können. Doch selbst wenn das VW-Gesetz in Luxemburg nicht wie erwartet fällt, kann Porsche auch auf anderem Weg klagen. Deep Wendelin hat viele Züge im Kopf und wurde gut programmiert. Die Partie kann freilich noch lange dauern.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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