Kommentar Dem Smartphone gehört die Zukunft der Gesundheit – die Regierung muss die Weichen stellen

Jens Spahn liegt richtig, wenn er das Smartphone als Schlüssel zu Gesundheitsdaten sieht. Kommunikationspannen darf er sich aber nicht mehr leisten.
Kommentieren
Dem Smartphone prophezeit der Gesundheitsminister die Rolle des „täglichen Gesundheitsbegleiters“. Quelle: dpa
Jens Spahn

Dem Smartphone prophezeit der Gesundheitsminister die Rolle des „täglichen Gesundheitsbegleiters“.

(Foto: dpa)

In Zeiten, in denen sich das Leben mit den Fingerspitzen am Smartphone-Bildschirm organisieren lässt, wirkt ein klobiges Lesegerät für eine Chipkarte zunehmend gestrig. Das ist aber der Weg, den die deutsche Politik bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen bisher einschlug.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat daher recht, wenn er die Strukturen infrage stellt und eine Smartphone-App als Alternative bei der digitalen Revolution für den Patienten präsentiert. Die jüngsten Verwirrungen um das Schicksal der elektronischen Gesundheitskarte zeigen allerdings: Spahn muss seine Ideen besser kommunizieren.

Vor knapp zwei Jahren veröffentlichte der CDU-Politiker das Buch „App vom Arzt. Bessere Gesundheit durch digitale Medizin“, in dem er mit zwei Co-Autoren die medizinische Versorgung der Zukunft skizzierte. Dem Smartphone prophezeit Spahn, der jahrelang im Bundestag Gesundheitspolitik machte, die Rolle des „täglichen Gesundheitsbegleiters“.

Seit März trägt er nun als Minister die Verantwortung dafür, das deutsche Gesundheitswesen in die digitale Zukunft zu befördern. Allerdings führt ihn die neue Aufgabe auf einen steinigen Pfad, der angelegt wurde, als Apples iPhone von der Marktreife noch einige Jahre entfernt war.

Eine Bundesregierung nach der anderen setzte ihre Hoffnungen auf die elektronische Gesundheitskarte – ein Großprojekt, das auch nach 14 Jahren und Investitionen von über einer Milliarde Euro noch keine überzeugenden Ergebnisse produziert. Mittlerweile haben die 72 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland die Chipkarte mit dem Passbild im Portemonnaie, seit Januar 2015 ist sie der einzig gültige Nachweis beim Arztbesuch.

Nur die versprochenen Funktionen leisten die Karten bislang nicht. Und erst ein Bruchteil der Praxen ist an das technische Rückgrat des Systems angeschlossen, die Telematik-Infrastruktur (TI), die den verschlüsselten Austausch von Patientendaten ermöglichen soll.

Die Grundidee hinter den Digitalisierungsbemühungen ist gut: Mit der Bündelung von Informationen zur Krankengeschichte von Patienten soll die Qualität der medizinischen Versorgung verbessert werden. Fernziel ist die Einführung einer elektronischen Patientenakte.

Ob Impfausweis, Röntgenbilder oder Laborbefunde – Ärzte und Krankenhäuser sollen mit Zustimmung des Patienten auf bisher verstreute Daten schnell und einfach zugreifen können. Doppeluntersuchungen oder gefährliche Fehlmedikationen könnten damit vermieden werden. Voraussetzung sind natürlich strenge Datenschutzstandards für die sensiblen Informationen.

Wenig hilfreiche Kommunikationspannen

Doch die Welt hat sich seit dem Jahr 2004, als das unter Rot-Grün in Kraft getretene Gesundheitsmodernisierungsgesetz das Fundament für die Gesundheitskarte und die Schaffung der dafür erforderlichen technischen Infrastruktur legte, stark verändert. Der Zugang der Zukunft, mit dem Patienten ihre Gesundheitsdaten kontrollieren, dürfte das Smartphone werden. Hier muss die Politik jetzt die Weichen stellen, damit die elektronische Patientenakte in dieser Legislaturperiode auch mit App-Anbindung umgesetzt werden kann.

Wenig hilfreich sind dabei Kommunikationspannen wie in den vergangenen Tagen, als der Eindruck entstand, die Bundesregierung erwäge das Aus der elektronischen Gesundheitskarte. Kanzlerin Angela Merkel soll Spahn bei der Suche nach Alternativlösungen freie Hand gegeben haben, so war zu lesen. Negative Interviewäußerungen des Gesundheitsministers zu der Karte befeuerten die Spekulationen.

Auch Dorothee Bär, Digitalministerin im Kanzleramt, meldete sich mit Zweifeln zu Wort. Sie sei froh, mit Spahn einen Gesundheitsminister zu haben, „der disruptiv sagt: Jetzt noch mal alles auf null – auch wenn es einen Aufschrei geben wird“.

Der Ärger bei den Spitzenverbänden im Gesundheitswesen, die für die Entwicklung der technischen Infrastruktur verantwortlich zeichnen, dabei aber alles andere als ein rühmliches Bild abgegeben haben, ist in diesem Fall verständlich. Kassenärzte-Chef Andreas Gassen verlangte „nach diesem öffentlichen Hin und Her“ Klarheit von der Bundesregierung. Außerdem muss die Politik die Wünsche von Patienten berücksichtigen, die für den Umgang mit ihren Gesundheitsdaten das Smartphone nicht einsetzen können oder wollen.

Eilig ließ Spahn von seinem Abteilungsleiter für „Digitalisierung und Innovation“ klarstellen, dass das Ministerium am Aufbau der Telematik-Infrastruktur samt elektronischer Gesundheitskarte festhalte. Zugleich sollen aber weitere Zugänge angeboten werden, wie über das Smartphone. Das entspreche der „Lebensrealität“ vieler Versicherter.

Der Gesundheitsminister wird die Telematik-Infrastruktur ohnehin nicht leichtfertig zum Milliardengrab machen. Das Geld floss in den Bau einer verschlüsselten Datenautobahn – und die Anschlussstelle daran kann die elektronische Gesundheitskarte, aber eben auch das Smartphone sein. Durchsetzen wird sich letztere Variante.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Kommentar - Dem Smartphone gehört die Zukunft der Gesundheit – die Regierung muss die Weichen stellen

0 Kommentare zu "Kommentar: Dem Smartphone gehört die Zukunft der Gesundheit – die Regierung muss die Weichen stellen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%