Kommentar
Demonstrierte Harmonie

Fünfzehn Monate nach Beginn des Krieges gegen den Irak hat sich das transatlantische Verhältnis entkrampft. Die US-Invasion, die die Nato dem größten Belastungstest seit ihrer Gründung ausgesetzt hat, ist abgehakt.

Im Vordergrund stehen nun der gemeinsame Aufbau des Iraks sowie die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Nahen Ostens. Der gestern zu Ende gegangene G8-Gipfel macht Hoffnung, dass der aufkeimende Geist der Partnerschaft auch in anderen Bereichen Dividenden abwirft – etwa bei den Gesprächen für eine neue Welthandelsrunde.

Auslöser dieser Wende ist die US-Regierung. Washington hört plötzlich zu und entdeckt die Vorzüge des Dialogs. Die G8-Initiative für eine Reform des Nahen Ostens beweist: Das Vorhaben ist keine demokratische Lehrveranstaltung Amerikas mehr, wie dies noch vor kurzem den Anschein hatte. Die Staaten der Region geben jetzt Takt und Geschwindigkeit vor. Die Einwürfe aus EU und arabischen Ländern zeigen Wirkung. Ferner hat das Weiße Haus zugestanden, dass der Hilfsplan für Nahost mit der Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts verknüpft wird.

Zwei Gründe stecken hinter dieser Wende in Richtung Multilateralismus: Die USA haben erkannt, dass sie das Chaos im Irak allein nicht unter Kontrolle bringen können. Außerdem will Präsident Bush den Vorwurf seines Herausforderers Kerry entkräften, er zerschlage ohne Not außenpolitisches Porzellan.

Dennoch sollte man sich von der harmonischen Grundstimmung des G8-Gipfels nicht blenden lassen. Die USA müssen den Lackmustest für ihre neue Beweglichkeit erst noch bestehen. Bushs Bekenntnis zur Beilegung des Nahost-Konflikts wird nur dann glaubwürdig, wenn er die Rolle eines ehrlichen Maklers einnimmt. Bleibt es bei der fast vorbehaltlosen Unterstützung Israels, dann sind neue Reibungen mit den Europäern programmiert.

Ein ähnlicher Kraftakt erwartet Bush bei der Umwandlung der Nato in ein Instrument zur Terrorbekämpfung: Dies kann nur gelingen, wenn er gegenüber den Verbündeten geschmeidig auftritt. Erst dann wird sich zeigen, ob hinter der demonstrierten Harmonie mehr steckt als ein atmosphärisches Zwischenhoch.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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