Kommentar: Denn sie wissen nicht, was sie essen

Kommentar
Denn sie wissen nicht, was sie essen

Der Skandal um das vertauschte Pferdefleisch in Großbritannien zeigt einmal mehr, wie sehr wir uns vom Produkt Fleisch entfernt haben – wir merken nicht einmal mehr, welches Tier da für uns getötet wurde.
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Manch einer mag sich ekeln bei dem Gedanken, dass er in der Vergangenheit statt Schwein, Huhn oder Rind möglicherweise das Fleisch von Hund, Pferd oder Katze gekaut hat. Möglich ist das, wie Experten sagen. Die Lieferkette von Lebensmitteln ist lang und für den Verbraucher undurchsichtig.

Wer fertige Bolognese-Sauce aus dem Supermarkt kauft, kann nicht wissen, woher das Fleisch darin stammt, wo und wie die Tiere aufgewachsen sind, wie sie aussahen, wie alt sie wurden. Der Verbraucher greift mit dem Gedanken an den Geschmack und vielleicht noch an den Nährwert des Fleisches im Supermarkt zu. Die Lasagne des britischen Supermarktes hat offensichtlich so geschmeckt, wie es der Verbraucher wollte. Und auch mit deren Nährwert muss er einverstanden gewesen sein, die waren schließlich auf der Packung angegeben. Trotzdem beunruhigt der Gedanke, dass man Pferd gegessen hat.

Aber warum eigentlich? Weil wir besser verdrängen können, was weiter weg von uns ist.

Jeder hat wohl schon einmal einem Hund den Kopf getätschelt, über die Youtube-Videos von niedlichen Katzen geschmunzelt oder über die Leistungen eines Sportpferdes im Fernsehen gestaunt. Mit Schweinen, Hühnern oder Rindern beschäftigen wir uns aber eher selten, so mancher Städter hat noch nie ein lebendes Schwein gesehen. Ab und zu kommen Horrormeldungen von zusammengepferchten und mit Antibiotika gefütterten Tieren in den Nachrichten, man empört sich, denkt kurz nach und isst am nächsten Morgen wieder sein Brötchen mit der Leberwurst, die so wenig an das Schwein aus den Nachrichten erinnert.

Ein Hund oder ein Pferd jedoch ist dem Menschen näher. Niemand käme in Deutschland auf die Idee, einen Hund zu schlachten und gut gewürzt beim Abendessen zu servieren. Auch die Zahl der Pferdefleisch-Liebhaber ist hierzulande sehr gering. Das Fleisch ist tabu, das hat die Gesellschaft so festgelegt. In anderen Ländern sind die Meinungen anders, Pferdefleisch gilt etwa in Frankreich als Delikatesse, und in China essen sie bekanntermaßen auch Hunde.

Das Prinzip bleibt aber immer das Gleiche. Tiere sind uns ausgeliefert, wir entscheiden, was mit ihnen passiert, ob sie leben dürfen oder sterben müssen. Auch an Schweinen, Hühnern und Rindern würden viele sicher etwas Niedliches, Anrührendes und Liebenswertes finden. Aber verdrängen ist einfacher.

Wir sollten es uns nicht so einfach machen, sondern mehr Mitgefühl zeigen - auch mit den Tieren, die uns nicht so nahe stehen. Das ist recht einfach, Bio-Anbieter gibt es reichlich, selbst beim Discounter kann man Mortadella kaufen, die von Schweinen stammt, die auch mal das Tageslicht gesehen haben.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.
Dana Heide
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • "Ich ess aber eh keine Lebewesen, vielleicht liegt's daran."
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    Pflanzen sind also KEINE Lebewesen... Interessante Einstellung! Erzählen Sie das mal einem Biologen... :-)
    Wie auch immer, physiologisch betrachtet ist der Mensch immer noch ein Omnivore, dessen Ernährungsgewohnheiten denen eines Bären gar nicht mal unähnlich sind. Ergo esse ich auch Fleisch. Allerdings möchte ich schon wissen, was es ist und wo es herkommt.
    Tabu sind bei mir logischer Weise Hunde (die seit vielen zigtausend Jahren GEFÄHRTEN des Menschen sind) und Katzen, die ebenfalls direkte Gesellschafter des Menschen sind (überhaupt stehen Beutegreifer gewöhnlich auf der Tabu-Liste, aus gutem Grund). Ansonsten ist Beute machen = Fleisch verzehren ein hunderte von Millionen Jahre altes Prinzip der Natur, auch als Nahrungskette bekannt, in der u.a. auch der Mensch zu den Top-Prädatoren gehört.
    Will sagen: Wer als Vegetarier oder Veganer leben soll, soll das tun, aber mit dieser penetranten Missioniererei aufhören. Wer Fleisch verzehrt, ist weder ein besserer noch ein schlechterer Mensch, sondern hat sich nur die artgerechten Ernährungsgewohnheiten von Homo spec. bewahrt.

  • "mehr Mitgefühl zeigen"

    Ich habe lange Zeit versucht Fleisch zu kaufen, das von Tieren stammt, die bei uns ein ethisch tierwürdiges Leben führen durften.

    In meiner Gegend gibt es leider kein bezahlbares "Fleisch" (ich meine nicht Billigfleisch), das aus Betrieben stammt, die die Tiere artgerecht halten. Obwohl ich gelesen habe, dass der Verbraucher seit Beginn dieses Jahres einen Anspruch bei Geflügel, Rind und Schwein darauf hat.

    Ich frage mich, warum macht man nicht das billig produzierte Fleisch zugunsten des Produktes, bei dem zwar weniger Tiere aufgezogen werden, die aber ethisch vertretbar leben durften, einfach teurer und umgedreht?

    Die Regierung könnte entsprechende Subventionen vergeben oder mit Steuererhebungen einschreiten. Aber das will sie gar nicht, weil es weder um den Willen des Bürgers geht, noch ein echtes Interesse am Tierschutz besteht.

    Anders ist es auch nicht zu verstehen, dass Moslems und Juden hier in Deutschland in großem Umfang Tiere schächten dürfen, obwohl das ja ansonsten verboten ist.

    Wir leben in einer vollkommen scheinheiligen Welt und die Politiker katzbuckeln vor den verschiedenen Lobbygruppen aus Dummheit, Ignoranz und eigener Gier!

  • "Bin durch Zufall auf diesen Beitrag gestossen und habe dabei gedacht wie " BLÖD, wie BLÖD, wie BLÖD! Der Nährwert dieser ebenso abgehangenen wie abgeschmackten Kapitalismus-Kritik, die ihr Verfallsdatum schön längst überschritten hat und daher in keinster Weise mehr geniessbar ist & eigentlich schon längst aus dem Verkehr genommen gehört, ist einfach nur unterirdisch .. in unerträglicher Weise garniert mit den naiven Einfältigkeiten aus dem Ponnyhof .. und das Bein immerschön an der achso-bösen Agrarindustrie heben! Bitte entsorge doch Deine Bio-Gülle woanders! Derlei Dekadenz zeigt sich der agrarindustriellen grünen Revolution aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts unwürdig: Typen wie Dir kann man nur'mal wieder'ne saftige Hungerepidemie an den Hals wünschen wie zu vorindustriellen Zeiten, als alle noch Bio-Bauern waren ...

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