Kommentar: Der englische Patient

Kommentar
Der englische Patient

Die britische Wirtschaft schrumpft weiter - die Gefahr einer Rezession ist groß, das AAA-Rating ist in akuter Gefahr, die politische Risiken sind unkalkulierbar. Keine guten Zeiten für internationale Investoren.
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LondonDie britische Wirtschaft befindet sich in einem bedauernswerten Zustand. Die Liste der Probleme ist lang, und gestern ist noch ein neues dazu gekommen. Im vierten Quartal 2012 schrumpfte die Wirtschaftsleistung des Königreichs um 0,3 Prozent und damit deutlich stärker als von den Volkswirten erwartet. Die Gefahr ist groß, dass die Insel in den kommenden Monaten zum dritten Mal seit der Finanzkrise in die Rezession abtaucht.

Die schwachen Daten zum Wirtschaftswachstum sind ein schwerer Rückschlag für Premierminister David Cameron, denn alle drei großen Ratingagenturen drohen damit, den Briten ihre Bonitätsbestnote AAA zu entziehen.

Inzwischen geht die Mehrheit der Analysten davon aus, dass sich die Insel im Laufe dieses Jahres von ihrem Top-Rating verabschieden muss. Die USA und Frankreich haben ihre AAA–Bewertung bereits verloren, ohne dass das ihrer Fähigkeit, die Staatsschulden zu refinanzieren. dramatisch beeinträchtigt hätte. Und die meisten Experten gehen davon aus, dass das im Fall von Großbritannien nicht sehr viel anders sein wird. Allerdings sind die Risiken für den britischen Markt für Staatsanleihen in den vergangenen Wochen deutlich gewachsen, und der politische Schaden für den Premierminister wird auf jeden Fall beträchtlich sein, denn Cameron hat seinen strikten Sparkurs auch und vor allem mit der Verteidigung des Top-Ratings begründet.

Bislang profitierte das Königreich von seiner Stellung als sicherer Hafen in der Eurokrise. Je schlechter es der Währungsunion ging, desto mehr Geld pumpten internationale Großinvestoren in britische Staatsanleihen. Doch dieser Trend hat sich in den letzten Monaten des vergangenen Jahres umgekehrt. Die Lage in der Eurozone scheint sich zu stabilisieren, und damit rücken für die Anleger wieder die fundamentalen Daten der britischen Wirtschaft in den Vordergrund, und die sehen - wie gesagt - nicht gut aus. Auf weitere Hilfe der Notenbank darf Cameron kaum hoffen. Die Bank of England hat bereits 375 Milliarden Pfund durch den Kauf von Staatsanleihen in die marode Wirtschaft gepumpt. Inzwischen hegen die Währungshüter aber starke Zweifel, ob eine Aufstockung des Programms noch weiteren Nutzen stiften kann.

Dazu kommt Camerons Glücksspiel in Sachen Europäischer Union. Eigentlich gilt der Konservative als risikoscheu. Um so überraschender ist es, dass er sein Schicksal an ein Referendum über den Verbleib in der EU knüpft, das wahrscheinlich erst in vier Jahren stattfinden wird. Im Moment spricht wenig dafür, dass die Briten der Gemeinschaft am Ende tatsächlich den Rücken zukehren werden. Aber zur großen wirtschaftlichen Ungewissheit kommen jetzt noch unkalkulierbare politische Risiken hinzu.

Alles in allem sind das reichlich unerfreuliche Aussichten für die Briten: Die Wirtschaft kommt nach der Finanzkrise nicht mehr auf die Beine, das AAA-Rating ist in akuter Gefahr, das Königreich droht seinen Status als sicherer Hafen zu verlieren, und die EU-Diskussion wird noch für reichlich Aufregung sorgen. Angesichts dieser Gemengelage dürfte es Cameron nicht leicht fallen, die internationalen Investoren zu überreden ihr Geld auch künftig auf der Insel anzulegen.

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  • Das sehe ich auch so. Und nachdem man erkannt hat, dass man gegen die EZB monetär nicht mehr ankommt um den Euro zu sprengen, versucht Cameron im Auftrag der USA es jetzt eben auf dem politischen Weg. um sich so nebenbei auch noch seine Wiederwahl zu sichern. Ansonsten gäbe es keinen Grund, das von ihm avisierte Referendum bis zu einer eventuellen Wiederwahl zu verschieben. Die britische und amerikanische Larifarifinanzpolitik zur Finanzierung der Kriege in Irak und Afghanistan, der Suprime-Krise sowie zur Sicherung des Bankenstandorts hat uns Kontinentaleuropäer soviel Geld gekostet, wie es die Staatsschuldenkrise niemals tun wird. Im Übrigen ging es mit der in USA und GB ausgelösten Finanzkrise mit dem ganzen Schlamassel erst los. Und das unsere Banken und Unternehmen bis dahin ihre Bilanzen so hochpushen konnten und dann um so mehr abgestürzt sind, das haben wir den von den Angelsachsen implemenierten IFRS und Basel II,III Regelungen zu verdanken- diese Regelwerke haben dort für gute Gewinne und bei uns für Chaos gesorgt. Aber das zu durchschauen wäre für die ansonsten hier ihr unwesend treibenden unpatriotischen Nationalistischen Berufsforisten zu viel verlangt.

  • Dann muss halt die alte Lizzy mal ordentlich was von ihrer Knete für Merry Old England abdrücken.

  • "Bislang profitierte das Königreich von seiner Stellung als sicherer Hafen in der Eurokrise."

    Korrekt, und das ist einer der Gründe weswegen man diese auch nach Leibeskräften geschürt hat.

    A friend in need is a friend indeed.

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