Kommentar
Der Frust der Franzosen

Frankreichs Gewerkschaftsführer freuen sich: Ihr Aufruf zu einem landesweiten Streik stieß auf große Resonanz, auch in der Privatwirtschaft.

Erstmals seit 1977 haben sich alle untereinander zerstrittenen fünf Gewerkschaftsverbände hinter einer einfachen Streikparole verbündet: Sichere Jobs und mehr Geld. Umfragen zufolge hält eine Mehrheit der Franzosen die Streiks für gerechtfertigt.

So simpel die Streikforderung, so sicher dürfte aber später die Enttäuschung sein. Premier Dominique de Villepin wird die Proteste leicht aussitzen können. Denn bereits der Großstreik vom März zu ähnlichen Themen ist ohne größere Folgen geblieben. Das dürfte beim aktuellen Ausstand nicht anders sein.

Doch de Villepins Regierung beteiligt sich paradoxerweise daran, in der Bevölkerung die falschen Erwartungen zu wecken, die sich regelmäßig in Protesten äußern. Kaum ein Problem, in das sich Frankreichs arbeitswütiger Regierungschef nicht einmischt: So hat er die Illusion erzeugt, der Staat könne kurzfristig etwas gegen steigende Ölpreise unternehmen. Auch den jüngsten Rationalisierungsplan des Computerkonzerns Hewlett-Packard entdeckte der Regierungschef als persönliche Herausforderung. Zu gerne nährt der Premier etatistische Machtphantasien, die er dann selber demontieren muss.

Der französische Staat als Arbeitgeber hat kein Geld, um dem aufgeblähten öffentlichen Dienst auch noch saftige Gehaltserhöhungen zu spendieren. Schon jetzt ist der Schuldendienst der zweitgrößte Haushaltsposten. Bei der Masse der französischen Unternehmen ist die Lage ähnlich trostlos. Abgesehen von den Großkonzernen, die ihr Geld im Ausland verdienen, haben sie keine Marge für hohe Lohnsteigerungen.

Die Gewerkschaften dürften mit ihrer Protestbewegung ins Leere laufen. Die Enttäuschung darüber wird weiter an ihrer ohnehin schwachen Legitimationsbasis zehren. Mit ihrem Aktionismus nehmen Regierung und Gewerkschaften das Risiko in Kauf, den Frust der Franzosen weiter zu schüren: bis zum nächsten Protest auf der Straße.

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