Kommentar
Der Kampf um Köpfe

Der beginnende Bundestagswahlkampf löst bei der Union alte Reflexe aus. Wieder einmal erliegt die CDU/CSU der Versuchung, beim Wahlvolk Stimmung gegen Ausländer zu machen. Günter Beckstein (CSU) behauptet dreist, Deutschland komme künftig „ohne Zuwanderung“ aus. Sein CDU-Kollege Wolfgang Bosbach suggeriert wahrheitswidrig, dass hier zu Lande „Massenzuwanderung“ drohe.

Mit der von Angela Merkel geforderten Ehrlichkeit im Wahlkampf haben diese Äußerungen nichts zu tun. Tatsache ist, dass einerseits immer weniger Ausländer zu uns kommen, die deutsche Wirtschaft andererseits aber immer dringender auf Zuwanderer angewiesen ist. Man schaue nur in die Chefetagen von Dax-Unternehmen: Die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, des Energieversorgers RWE, der Deutschen Lufthansa und des Maschinenbauers MAN sind keine Deutschen.

Doch nicht nur deshalb laufen Wahlkampagnen gegen Zuwanderung völlig an der ökonomischen Wirklichkeit vorbei. Rund um den Erdball tobt ein knallharter Kampf um die talentiertesten Manager, die innovativsten Forscher, die führenden technischen Fachkräfte. Die US-Regierung nimmt diesen Wettbewerb so ernst, dass sie sogar ihren „National Intelligence Council“, den Think-Tank der Geheimdienste, mit einer Untersuchung über Migrationsströme der „high-tech brain power“ beauftragte. Ergebnis: Asien wird für die weltweit besten Köpfe immer attraktiver, Europa tut sich hingegen schwer.

Mag sein, dass Beckstein und Bosbach mit ihrer Absage an Zuwanderung nicht die internationale Wirtschafts- und Forschungselite meinten. Mag auch sein, dass Beckstein die potenziellen Wähler rechtsextremer Parteien bei der CSU einbinden will. Diesem möglichen politischen Nutzen steht jedoch ein ungleich größerer Schaden für die deutsche Wirtschaft gegenüber. Ihre Innovationskraft ist durch den Mangel an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren massiv bedroht. Diese Spitzenkräfte aber gehen lieber nach China und Südkorea oder in die USA, wenn sie in Deutschland immer wieder ausländerfeindliche Signale hören.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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