Kommentar
Der Kulturkampf der Notenbanker ist entbrannt

Zwischen der Europäischen und der Zentralbank Bundesbankliegen derzeit Welten. Während sich die einen als Krisenmanager sehen, fühlen sich die anderen als Stabilitätshüter. Langsam bricht ein Kulturkampf aus.
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FrankfurtZu Fuß sind es von der Bundesbank zum Eurotower der Europäischen Zentralbank (EZB) nur fünf Kilometer. Im Geiste liegen jedoch Welten zwischen den beiden Notenbanken. Hier die smarten Krisenmanager der EZB, die bewusst die Grenze ihres Stabilitätsauftrags überschreiten, um die Euro-Zone zusammenzuhalten. Dort die Stabilitätsapostel der Bundesbank, die bis zum Platzen Wut über die „Tauben“ im Eurotower aufgestaut haben. Deshalb wollen sie die Rettungsmaßnahmen ihrer EZB-Kollegen nicht länger mit eisigem Schweigen ertragen. Inzwischen spricht man bei den Nachlassverwaltern der D-Mark ganz offen über den, ja, „Kampf der Kulturen“ mit den Nachbarn.

EZB-Chef Mario Draghi und Bundesbanker Jens Weidmann können den seit langem gärenden Dauerkonflikt selbst mit ihrer leisen Tonart nicht länger unter der Decke halten. Zu groß sind die Gegensätze. Während die EZB über eine Wiederaufnahme des umstrittenen Aufkaufs von Staatsanleihen nachdenkt, pocht man bei der Bundesbank auf einen „Exit“ aus dem Krisenmodus: Innerhalb eines Jahres müsse die EZB den Weg zurück in die stabilitätspolitische Normalität weisen, lautet die unmissverständliche Forderung im Hause Weidmann. Zwar hat man dort die Hoffnung, dass es tatsächlich dazu kommt, noch nicht aufgegeben, doch allein es fehlt der Glaube. Und geradezu vernichtend ist das Urteil über den Italiener an der EZB-Spitze, Mario Draghi. Altbundesbanker schütteln ratlos den Kopf: Wo ist dessen Linie?

Der pragmatische Ad-hoc-Stil Draghis ist den deutschen Ordnungshütern ein Graus. Tatsächlich hat sich die EZB mit ihren unkonventionellen Anleihekäufen und Liquiditätshilfen so hoffnungslos im Rettungsdschungel verstrickt, dass die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute längst deren Unabhängigkeit in Gefahr wähnen. Die Bundesbank fürchtet zudem, dass der Geist der Inflation längst aus der Flasche ist.

Während dem Konjunkturmotor Deutschlands eine kalte Zinsdusche gerade recht käme, wäre genau das der finale Stoß in den wirtschaftlichen Abgrund für die südeuropäischen Schuldenländer. Doch gegen die Mehrheit der Südländer wird sich Weidmann genauso wenig durchsetzen wie Jürgen Stark oder Axel Weber.

Unterstützung von seinem Studienfreund Jörg Asmussen erhält er dabei auch kaum. Jetzt rächt es sich, dass die Kanzlerin einen geschmeidigen Politmanager statt eines stabilitätspolitischen Schwergewichts ins EZB-Direktorium entsandt hat. „Taube“ ist noch das freundlichste Urteil, das man in konservativen Notenbank-Kreisen über Asmussen serviert bekommt.

Die einzige Verbündete der Bundesbanker bleibt die Kanzlerin. Noch. So kommt es zu einem bemerkenswerten Rollentausch: War es früher die Bundesbank, die die deutsche Stabilitätskultur über ihre Geldpolitik durchsetzte, muss nun die deutsche Politik die Stellung halten. Den Bundesbankern kann das kaum recht sein. Ist ihnen doch die Unabhängigkeit von der Politik genauso heilig wie ihr Stabilitätsauftrag.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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  • Stabilitätspolitik kehrt erst ein, wenn andere Parteien regieren. Interessant ist da z. B. die Euro-kritische, Europa-freundliche liberale Partei der Vernunft. Sie ist die einzige, die sich gegen den Euro-Rettungswahn ausspricht.

  • Man kann den Ausführungen des "Volkswirt" nur zustimmen:

    Unsere Euro-Partner nehmen Deutschland in einer Unverfrorenheit aus, daß viele Leute es gar nicht für möglich halten.
    Ich glaube aber nicht, daß wir erpreßbar geworden sind, weil wir bei einem Auseinanderbrechen des Euro unser Geld nicht wieder sehen würden.
    Wir werden die Target-2-Gelder und die anderen Hilfsgelder NIE wieder sehen. Erpreßbar fühlen wir uns nur dann, wenn wir der Fiktion nachhängen, wir würden unser Geld jemals wieder sehen. Unsere Freunde lachen sich uns Fäustchen.

    Insofern kann man nur PikAs zustimmen: Deutschland muß raus aus dem Euro, und zwar sofort!

  • Ich bin mir sicher, dass es in der Bundesbank immmer noch verantwortungsvolles hochqualifiziertes Personal gibt, das unser Land noch nicht komplett abgeschrieben hat und weiß, dass die ernste Stunde des Amtseides gekommen ist. Die EZB hat die vereinbarten Regeln längst gebrochen, die Politik begeht kollektiv Hochverrat an Deutschland. Wer jetzt noch zaudert, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, bricht auch seinen Eid und sollte demnächst besser nicht mehr in den Spiegel schauen.

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