Kommentar
Der letzte Deutsche

Man stelle sich vor, die Deutschen sterben aus. Vielleicht wird ein Chinese dann eine schöne Gedenkrede halten und erinnern an die großen kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen unseres Volkes. Auf dem Grabstein des letzten Deutschen aber müsste die Inschrift stehen: „Sie gingen unter, weil sie stets nur nach Gerechtigkeit strebten.“

Eine absurde Geschichte? In der aktuellen familienpolitischen Debatte kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass den Deutschen Gerechtigkeit wichtiger ist als das eigene Überleben. Wenn der Staat Familien bei der Kinderbetreuung hilft, so wird da behauptet, müssten angeblich alle gleich behandelt werden: Besserverdienende und Einkommensschwache, berufstätige Mütter und Hausfrauen. Und weil der Gesetzentwurf der Familienministerin diesen Kriterien nicht genügt, wird er nun von den Gleichmachern dieser Republik in der Luft zerrissen. Wie formulierte es der CSU-Politiker Herrmann so schön: „Wir wollen Kindern und Eltern etwas Gutes tun. Und das muss dann auch für alle gelten.“

Der Mann übersieht die Tatsache, dass nicht „alle“ Deutschen kinderlos bleiben. Es sind in der Regel nicht die Hausfrauen und auch kaum die sozial Schwachen. Gegen Nachwuchs entscheiden sich in erster Linie berufstätige Frauen und unter ihnen vor allem solche mit überdurchschnittlichem Bildungsniveau: Mehr als 40 Prozent der Akademikerinnen bleiben kinderlos – mit steigender Tendenz. Vor allem deshalb bedroht die demographische Entwicklung unseren Wohlstand. Das bedeutet auch: Immer größere Teile des Bildungsbürgertums geben ihr Wissen nicht mehr an die nächste Generation weiter. Im globalisierten Wettbewerb entscheidet in erster Linie die Innovationskraft einer Gesellschaft über den wirtschaftlichen Erfolg. Wie soll Deutschland hier mithalten, wenn sich die Bildungseliten nicht mehr fortpflanzen?

Eine zukunftsweisende Familienpolitik muss sich vor allem mit dieser Frage befassen – und sich dabei als Bevölkerungs- und Wachstumspolitik zugleich verstehen. Deshalb gehört es nicht zu den vorrangigen Aufgaben der Familienministerin, sozial gerecht zu sein oder das traditionelle Familienbild der CDU/CSU zu pflegen, sondern sie muss knappe Mittel gezielt einsetzen.

Geld allein wird freilich nicht ausreichen, um die Geburtenlücke im deutschen Bürgertum zu schließen. Auch gesellschaftliche Werte müssen sich verändern. Dass Kinderreichtum hier zu Lande als Armutsmerkmal gilt, ist alles andere als normal. Ein Blick über die Grenzen beweist, dass es auch anders geht. In den mit einer hohen Geburtenrate gesegneten Niederlanden sind Kinder mit Sozialprestige verknüpft. Viele Kinder signalisieren Wohlstand: Man zeigt, dass man sich die Sprösslinge leisten kann.

Ursula von der Leyen betreibt eine zukunftsorientierte Familienpolitik, wenn sie sich auf berufstätige Frauen mit höherem Einkommen konzentriert. Die CDU-Politikerin greift damit übrigens eine Idee auf, die schon ihre sozialdemokratische Vorgängerin verfochten hat. Auch die SPD-Familienministerin Renate Schmidt zielte mit ihrem Elterngeld darauf ab, den Kinderwunsch bei Besserverdienenden zu befördern. Schon da haben die Gleichmacher aufgeschrien, die jetzt wieder zetern.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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