Kommentar
Der Machiavelli aus der Pfalz

Ob Helmut Kohl als großer Europäer in die Geschichte eingehen wird, ist noch ungewiss. Sicher ist aber, dass er die deutsche Wiedervereinigung überaus erfolgreich gemanagt hat. Dafür wird er heute zu Recht gefeiert.
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Ein Homo oeconomicus war Helmut Kohl nie. Für den leidenschaftlichen, vor Ehrgeiz lodernden Homo politicus waren es die großen Linien, kaum die Details, die ihn packten. Schon als junger Mann begriff er sich als der politische Enkel Adenauers, und der Ministerpräsident in der Staatskanzlei in Mainz inszenierte sich schnell als solcher. Als Bundeskanzler in Bonn trat er vor 30 Jahren am 1. Oktober 1982 in dessen große Fußstapfen.

Selbstzweifel plagten Kohl kaum, weder als man ihn als „Birne“, „Dicken“ oder „Oggersheimer“ schmähte. Kohl hat, bevor er alles, nein: fast alles aussitzen konnte, viel einstecken müssen. Denn nicht nur die „Sozen“ und die Grünen verhöhnten ihn. Auch CSU-Chef Franz Josef Strauß hatte ihm derb und öffentlich „jede“ Kompetenz für die Bundespolitik abgesprochen. Doch an Kohls gewaltiger Fassade, zuletzt drei Zentner schwer, schien alles abzuprallen, was dem Mann aus der BASF-Stadt Ludwigshafen, dem „Chicago der Pfalz“, an Beleidigungen entgegengeschleudert wurde.

Dass er einmal 16 Jahre lang die Geschicke der Bundesrepublik Deutschland leiten sollte, glaubte außer ihm keiner. Doch die Zweifel kamen nicht von ungefähr: Es war vor allem das Provinzielle, dem er so beharrlich mit seiner fast demonstrativen Mundart ohne „t“ und ohne „sch“ nuschelnd huldigte - und das andere ihm als Stigma anhefteten. Und Strauß schien ja recht zu behalten: Seine erste volle Amtsperiode, nachdem ihn das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt (SPD) ins Amt gespült hatte, war ein Flop. Zumindest wenn man Kohls eigene Maßstäbe anlegt: eine Abkehr von der „vaterlandslosen“ Politik Schmidts, so wie es Hans-Dietrich Genscher ja im Jahre 1981 in seinem Wendebrief als Kurs einer schwarz-gelben Koalition vorgegeben hatte.

Kaum etwas aber hat „der schwarze Riese“ damals bewegt, vielmehr hat er wie Schmidt die Raketenstationierung betrieben und in der Wirtschafts-, Sozial- und Innenpolitik höchstens kleine Akzente gesetzt. Die stetig steigende Staatsverschuldung nahm er wie ein Naturgesetz hin. Kohl gab gerne Geld aus, sein bestes Mittel, in Bund und Ländern Loyalitäten zu sichern. Doch wieder war es eher eine Idee, eine Leitlinie, die ihn antrieb, die er aber kaum mit politischer Energie aufladen konnte: die von ihm annoncierte politisch-moralische Wende. Die so versprochene „konservative Revolution“ trat indes nie ein, wurde böse verhöhnt und seiner biederen Herkunft aus der Pfalz angelastet.

Die Spötter verkannten, dass genau diese Qualität ihn bei der Mehrheit der Deutschen so beliebt machen würde. Im Laufe der Jahre aber brachte der Politiker, der sich noch dem zartesten Hauch von Zeitgeist entzog, erstaunliche Entwicklungen in Gang - außenpolitisch. Seine auf Versöhnung gepolte, ja: Freundschaft mit dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand überraschte jene, die ihn zu Hause als großen Polarisierer erlebten und ihn automatisch in der Nähe der Eisernen Lady, Margaret Thatcher, der Gebieterin über das Vereinte Königreich, verorteten. Die Tatsache, dass beide, Mitterrand ebenso rücksichtslos wie Thatcher, die Wiedervereinigung hintertrieben, hat den Herzenseuropäer womöglich irritiert.

Abbringen von seinem beharrlichen Weg konnten die beiden ihn, der Europa als Alternative zum Nationalstaat sah, nicht. Doch die Konsequenz aus dieser Überzeugung, die Politische Union, verfolgte er nie. Ob Kohl als „Kanzler der Einheit„ und „großer Europäer“ Geschichte geschrieben hat, ist ungewiss. Seine diesbezüglichen Leistung wurden zwar bereits früh bezweifelt, doch die skeptischen Stimmen schwellen nunmehr an. Zuletzt hat der Historiker und Adenauer- wie Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz diese Nobilitierung infrage gestellt.

Unbestreitbar aber bleibt: Als Kanzler war er der erfolgreiche Manager der Wiedervereinigung. Er war schließlich auf diese Rolle geeicht, nicht nur ideologisch: In der Geschichte der Bundesrepublik hat es kaum einen solch beharrlich, durchtrieben und doch diskret agierenden Machtmenschen im Kanzleramt gegeben, der durch Kooptation und Begünstigung einerseits und Abstrafung sowie Ächtung andererseits seine Macht so virtuos ausweitete.

Die bald schon routinierte Durchtriebenheit hat ihn am Ende selbst verführt. Das über lange Jahre heimlich erbaute Schattenreich mit den so raffiniert wie perfide („jüdische Vermächtnisse“) getarnten Schwarzgeldkonten war eine Manifestation der Pervertierung der „Bimbes“-Politik, ein noch heute erschütternder Beleg dafür, wie der Machiavelli aus der Pfalz nicht nur andere an sich kettete, sondern sich selbst in den Fangstricken seines exorbitanten Machttriebs verfing. Kohl hebelte sich selbst völlig und die CDU so weit aus, dass er in der Berliner Republik vom alles beherrschenden Koloss am Rhein zum politischen Zwerg mutierte.

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  • Ich frage mich, wie sie zu diesem Urteil kommen, weil für die wenigsten Dinge, die sie aufzählen Kohl verantwortlich war.
    Hinsichtlich Bildung ist der Bund weder zuständig noch handlungsfähig, jegliche Reaktion auf die demographische Entwicklung wurde von der Opposition blockiert im Bundesrat (Lafontaine), ja sogar die Notwendigkeit darauf zu reagieren bestritten.
    Von Ausbeutung des Sozialsystems kann auch keine Rede sein, das kam erst unter Schröder.
    Falls sie sich auf die Renten im Osten beziehen sollten ist die aussage schlicht falsch. Denn für Rentner im Osten braucht man gemäß System nur deren Kinder als Beitragszahler. Alles andere wäre eine Bereicherung der Westrentner zu Lasten der Ostbevölkerung gewesen (wenn die Zusatzbeiträge der Ostarbeitnehmer in westliche Renten geflossen wären).
    Für die Migration zeichnet Kohl auch nicht verantwortlich, in seine Zeit vielen die Finanzanreize an rückwanderungswillige Türken, durchaus mit Erfolg.
    Gerade das Migrantenproblem ist primär eines von den linken Parteien verursachtes Problem, weil sie keinerlei Auswahl oder Beschränkung duldeten.

    Alles in allem ist es schon bemerkenswert, wie sehr Kohl mit allem Übel belastet wird, das zum größten Teil auch noch seine Gegner zu verantworten haben.
    Sein Ehrenwort zur Spendenpraxis ist das einzige, was man ihm wirklich vorwerfen kann. Dabei steht es nicht mal fest, dass dies einen wirtschaftlichen Schaden verursacht hätte, eine persönliche Bereicherung hat es nicht gegeben.

    H.

  • Ich finde es belustigend gerade Kohl Machiavellismus zu unterstellen, denn gerade das, was ihm meistens zur Last gelegt wird ist eher Ausdruck des Gegenteils.
    Denn Kohl hat vielen vor den Kopf gestossen, die sich ihre Illusionen nicht nehmen lassen wollten und deshalb Schröder gewählt haben.
    Für Schröder dagegen wäre der Ausdruck weit passender.

    Kohl hat Fehler gemacht, aber sie sind bei weitem nicht so dramatisch, wie seine Positivliste.
    Deshalb ist die alleinige Fokussierung auf seine Fehler schon ein wenig kleingeistig.

    H.

  • @ SabineM,
    99% der in D. lebenden Menschen haben meinen Kommentar noch nicht gelesen, daher die Wiederholung!

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