Kommentar
Der Metall-Tarifvertrag verlagert nur die Probleme

In der praktischen Anwendung droht sich der Kompromiss von Arbeitgebern und IG Metall als Fehlschuss zu erweisen. Denn mit dem Vertrag werden den Betriebsräten neue Machthebel an die Hand gegeben.
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Manche Tarifabschlüsse zeigen erst nach einigen Jahren ihr wahres Gesicht. Das gilt im Guten wie im Schlechten. Diesmal besteht leider die Gefahr, dass sich das Ergebnis der nächtlichen Tüftelei von IG Metall und Arbeitgebern im späteren Praxistest als hässliches Exemplar von Kompromiss erweist - bei dem hinter den offensichtlichen Vertragsinhalten eine zweite Schicht Konfliktstoff zum Vorschein kommt.

Das liegt nicht in erster Linie an der Tariferhöhung. Die ist mit 4,3 Prozent zwar sehr kräftig ausgefallen. Doch gemessen an der aktuellen Verfassung der Schlüsselbranchen der deutschen Exportwirtschaft, fällt das Plus nicht so weit aus dem Rahmen, dass es einen Wendepunkt markiert. Vor Jahresfrist, als die Metaller noch an ihren Krisenpakt von 2010 gebunden waren, gab es in der chemischen Industrie bereits ein Plus von 4,1 Prozent - der Abschluss der IG Metall ist nun das Echo darauf.

Die Tücken lauern an anderer Stelle - dort, wo sich der Kompromiss nicht als Zahl präsentiert, sondern in einem Gestrüpp komplexer Konditionen verliert. Richtig ist: Die IG Metall hat, anders als ihre Kampagnen nahelegten, den Betrieben keine starre Pflicht zur unbefristeten Übernahme aller Lehrlinge auferlegt. Und ebenso wenig hat sie Betriebsräten ein Blockaderecht gegen jeglichen Einsatz von Zeitarbeitern verschafft. Aber sie hat im Tarifvertrag einen Katalog neuer Verhandlungsprozeduren installiert, die den Betriebsräten neue Machthebel an die Hand geben.

Welche Tragweite so etwas haben kann, führte - unter umgekehrten Vorzeichen - einst das "Pforzheimer Abkommen" über betriebliche Abweichungen vom Flächentarif vor. Dieser 2004 nach langem Streit errungene Flexibilisierungspakt wirkte zunächst wie ein Papiertiger, weil er formal alle Macht bei den Tarifparteien beließ. In der Praxis aber stellte der Papiertiger bald das ganze Gefüge auf den Kopf. Die Betriebsräte rissen das Verfahren an sich, "Pforzheim" wurde der Wendepunkt hin zu einer flexibleren Flächentarifpolitik.

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Metalltarif gilt nicht nur für Industriekonzerne

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  • Teil 2 Und was machen die Gewerkschafter heute, lassen sich mit 2 – 3 Proz. abspeisen
    während die Gewinne der Unternehmen 100% weit übersteigen.
    Schlagzeilen:
    Firmen legen galaktische Zahlen vor BMW übertrifft Erwartungen
    VW verdoppelt Gewinn BMW meldet Rekordumsatz Siemenas stockt Ziele auf
    Linde meldet Gewinnsprung, Abgehängt BMW zeigt Mercedes und Audi die Rücklichter
    Daimler verdoppelt Gewinn Traum-Ergebnisse für VW und Audi
    Metro, RWE und Co. Dax-Konzerne: Größter Umsatz im Ausland
    Diese Kumpanei ist die Verhöhnung der fleißigen – Entlohnung nach Gutsherrenart.
    Dieser Greis trägt auch dazu bei, - dem Europa der zwei Geschwindigkeiten.
    Niedrigstlöhne in D ist das Resultat der Wirtschaftschwäche vieler EU-Mitgliedsstaaten.
    Das wird dazu führen, das Waren aus D gemieden werden,
    aus welchem Grund auch immer. Aber aus den „ABFALL-LÄNDER“ die Fachkräfte abwerben und diese weiter ausbluten lassen dafür stehen diese „ELITENKÖPFE“. Die Inflationsrate übersteigt schon die Gehaltsanhebung bevor man sie bekommt.
    Nach Jahrzenten der „verordneten“ Lohnzurückhaltung ist ein berechtigter
    Lohzuwachs von 20 – 15 % einzufordern!!
    Leute wie Heinz Kluncker hatten gewerkschaftlich noch was auf die Beine gestellt, die ließen sich nicht in die Tasche stecken, oder auf Lustreisen schicken. Mitgliederschwund kannte man nicht, im Gegenteil, - und den D. Hundt hätte der an die „Leine“ genommen.

  • Berthold Huber und seine Dilettanten haben nichts,- aber auch gar nichts verstanden,
    halten 1x im Jahr (1.Mai) Pseudo kämpferische Reden und bilden sich ein, Druck auf
    die Arbeitgeber ausgeübt zu haben. Jetzt ist die Zeit für kräftige Lohnerhöhung damit
    auch die EU Peripherie-Länder gestärkt werden, aber „Die“ haben es wieder verpennt.
    Dieser „Tarifeinigung“ müsste man eine Absage erteilen, - in die Tonne treten!
    Für was brauch ich noch eine Gewerkschaft? Streiks verboten, Generalstreik sowieso
    (seit 1955) da spare ich doch lieber den Gew. Beitr. und habe ein höheres Gehaltsplus!
    Schäuble hatte den Gewerkschaftern (auf Druck der EU) eine „Steilvorlage“ gegeben,
    das ein kräftiger Lohzuwachs berechtigt ist, das haben die Bosse der IG-Metall-
    nicht begriffen.
    IG-Metall-Chef Berthold Huber kritisiert die Bundesregierung heftig für ihren Umgang mit der europäischen Schuldenkrise, - mit kritisieren ist es nicht getan, gesprochen, vergessen –
    so läuft das, das ist „Weichei-Mentalität“ – Duckmäuser - Manier.
    Sie hatten es in der Hand die anderen EU-Länder zu stärken und das Ungleichgewicht
    auszugleichen, aber diese „Elitenköpfe“ wollen einfach nicht begreifen, - die sitzen
    eben in den Aufsichtsräten und sind nur daran interessiert ihr Aktienpaket zu steigern.

  • Liebes Handelsblatt,

    als Konzernbetriebsratsvorsitzender kann ich den Artikel von Herrn Creutzburg, nicht ganz so stehen lassen. Betriebsräte sind nicht mit den "Problemverlagerungen" allein, wenn Sie im guten Kontakt zur IG Metall stehen.
    Stimmt dann auch noch der Rückhalt in der Mannschaft/Mitarbeiterschaft in Form eines hohen Organisationsgrades bei der IG Metall, dann sind die Probleme oftmals perfekt zu regeln.
    Wir haben den Sanierungs-Tarifvertrag gemäß Pforzheimer Abkommen, mit direkter Begleitung im Verhandlungsteam, mit der IG Metall und dem Arbeitgeber geführt und erreicht. So, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach 2,5 Jahren noch Ihre Arbeit haben und viele Betriebe so saniert sind, dass diese sich keine Zukunftssorgen machen müssen.
    Klar ist dabei, dass Betriebsräte gut ausgebildet sein müssen und eben auch den Mumm haben mit dem Arbeitgeber über die Unternehmensentwicklung zu streiten. Denn in den meisten Fällen sind die Betriebsräte länger im Unternehmen als die Geschäftsführer.
    Ansonsten müssen wir als Betriebsräte unseres Konzerns, aber dem Handelsblatt dankbar sein, denn die Berichterstattung in der Krise hat uns bei der "Problemlösung" unterstützt.
    Danke.

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