Kommentar
Der Oligarch von Wolfsburg

Die Nachricht des Tages: Der profilierte Manager Gerhard Cromme verlässt den VW-Aufsichtsrat. Doch die eigentliche Nachricht lautet: In Wolfsburg hat Oligarch Ferdinand Piëch vollends die Macht übernommen.

Der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende und heutige VW-Aufsichtsratschef stürzt Europas größten Autohersteller in eine tiefe Führungskrise.

Wer hat in Wolfsburg das Sagen? Allein der neue Großaktionär Porsche und die Piëch-Familie mit ihren 19 Prozent. Was ist mit Niedersachen und seinen 18 Prozent, was mit den 60 Prozent, die privaten Investoren gehören?

Cromme geht, weil ihm der autokratische Führungsstil des Chefkontrolleurs Piëch nicht passt. Das ist konsequent, weil Cromme auch Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission ist. Die hat Regeln für eine gute Unternehmensführung aufgestellt. Und davon ist in Wolfsburg nun wirklich nichts zu sehen. Piëch dominiert den Aufsichtsrat. Dabei benutzt er die Vertreter der IG Metall. Der hilft er auch: wie gerade bei der Berufung des Metallers Horst Neumann zum neuen VW-Arbeitsdirektor, die gegen den Willen Wulffs und anderer Aufsichtsräte erfolgte.

Cromme erweist mit seinem Rückzug der Sache aber einen Bärendienst. An seiner Stelle wird ein Porsche-Vertreter einziehen, ganz im Sinne Piëchs. Der hatte den Einstieg seines Familienbetriebs Porsche am Aufsichtsrat vorbei eingefädelt. Auch hier hat er die Interessen des Landes Niedersachsen ignoriert. Regierungschef Christian Wulff wollte eine ganz andere Liaison, die mit Daimler-Chrysler. Jetzt sitzt Piëch in Doppelfunktion im VW-Aufsichtsrat. Interessenkonflikte, so scheint Piëchs Devise zu lauten, haben nur andere.

Das Gerangel im Aufsichtsrat als eitles Geschacher um lukrative Posten abzutun wäre grundfalsch. Es geht um die Frage, wie viel die Mehrheit der Anteilseigner in ihrem Unternehmen zu sagen hat. Denn Piëch belässt es nicht beim Kontrollieren. Er agiert, und das hat gefährliche Folgen: Damit hat er auch den VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder düpiert. Der muss sich jetzt überlegen, wo er steht.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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