Kommentar Der Preis des Zögerns

  • Bernd Ziesemer

Spätestens in drei Jahren werden in Deutschland keine Siemens-Handys mehr gebaut. Die 2 000 Arbeiter in Kamp-Lintfort werden ihre Arbeitsplätze verlieren. Noch garantiert ihnen ein Abkommen zur „Sicherung und Entwicklung von Beschäftigung“ bis 2006 ihre Jobs. Doch in Wahrheit war dieser Vertrag, den Siemens und die IG Metall vor gerade einem Jahr mit gegenseitigen Zugeständnissen ausgehandelt hatten, immer nur Wunschdenken: Im internationalen Wettbewerb haben sich Länder wie Südkorea und Taiwan durch die geschickte Kombination von Kapital, Know-how und mittelhohen Löhnen gewaltige Effizienzvorteile in der Montage von elektronischen Geräten erkämpft.

Siemens beugt sich endlich dieser Erkenntnis und gibt die Handy-Sparte vollständig an den BenQ-Konzern aus Taiwan ab. Nicht nur die Arbeitsplätze in der Produktion gehen nun verloren, sondern über kurz oder lang auch die volkswirtschaftlich viel wichtigeren Jobs in der Entwicklung. Der Fall Siemens ist damit ein weiteres Musterbeispiel dafür, was passiert, wenn man sich dem Strukturwandel entgegenstemmt.

Hätte der Konzern seine Fertigungsanlagen in Kamp-Lintfort und anderswo schon vor zwei Jahren geschlossen, könnten seine Ingenieurabteilungen in München möglicherweise überleben. Weil wir in Deutschland immer wieder die Jobs der Vergangenheit mit aller Kraft retten wollen, vernichten wir die Arbeitsplätze der Zukunft. Schuld daran sind viele Faktoren: Manager, die Konflikte mit den Gewerkschaften und der Politik scheuen, die paritätische Mitbestimmung in den Aufsichtsräten, die unternehmerische Entscheidungen verzögert, und ein gesellschaftliches Klima, das den schnellen Abbau von Arbeitsplätzen generell als „unsozial“ brandmarkt.

Der neue Siemens-Chef Klaus Kleinfeld bringt aus seiner langen Arbeit in den USA die richtige Erkenntnis mit, dass er künftig früher und härter entscheiden muss. Langfristig wird Siemens in Deutschland nur dann wieder produktive Arbeitsplätze schaffen können, wenn Kleinfeld auch schneller als bisher unproduktive Jobs streicht.

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