Kommentar
Der richtige Mann, der falsche Ton

Peer Steinbrück verfügt über Selbstbewusstsein und den Willen zur Macht. Doch er liebt die Selbstinszenierung, die Übertreibung. Statt zu spalten wird der Kanzlerkandidat nun lernen müssen, zusammenzuführen.
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Diese Woche ist so gelaufen, wie sich Peer Steinbrück es vorgestellt hatte: am Montag ein großes Interview, am Dienstag ein großer Auftritt in der SPD-Bundestagsfraktion, am Mittwoch eine große Pressekonferenz und fast jeden Tag große Kommentare über seine Fähigkeit zum Kanzlerkandidaten der SPD, auf den nun tatsächlich alles zuzulaufen scheint. Groß, größer, Peer.

Keine Frage, mit seinem Papier zur Finanzmarktregulierung hat Steinbrück nicht nur seine wirtschaftspolitische Kompetenz unter Beweis gestellt, sondern auch seinen unbedingten Willen zur Macht. Steinbrück will Kanzler werden, sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein ist zweifellos ein Pluspunkt im Kampf um die Kanzlerschaft. Doch ab wann ist der Punkt erreicht, wo Selbstbewusstsein in Selbstgefälligkeit umschlägt?

Denn Steinbrücks Stärke ist auch gleichzeitig seine Schwäche, er liebt die Selbstinszenierung und die Übertreibung. Seine Worte sind so scharf wie seine Analysen, sein Urteil ist oft apodiktisch, seine Sprache immer wieder verletzend. Nicht selten geraten seine Reden zur Kriegserklärung. Der Schweiz hatte er beim Thema Steuerflucht mit der Kavallerie gedroht, Banken beschimpft er - übrigens wortgleich wie der ehemalige Links-Partei-Chef Oskar Lafontaine - als Zockerbuden, die aufgespalten werden müssen, und die eigenen Genossen werden als Heulsusen abgekanzelt.

Steinbrücks Sprache schreckt auf, sie verschreckt aber auch - die Leute in der eigenen Partei ebenso wie das Management der Deutschen Bank. Staatsmännisch ist sie in weiten Strecken jedenfalls nicht.

Was Steinbrück fehlt, ist eine Rhetorik, die Maß und Mitte achtet. Gleiches fordert der ehemalige Bundesfinanzminister zu Recht von den Finanzmärkten, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen. Wer ernsthaft die Fehler des modernen Finanzkapitalismus beseitigen will, muss auf die Bankmanager zugehen und um Verständnis werben. Nicht alle Banker verzocken Kundengelder, nicht alle Geldhäuser sind Zombiebanken.

Die Welt ist komplexer, als es die Sprache von Peer Steinbrück zuweilen vermuten lässt. Der Sozialdemokrat erklärt seine verbalen Attacken als Form von Dialektik nach dem Motto: Übertreibungen schaffen sich eine Antithese, sorgen also für fruchtbare Diskussionen.

Er benutzt gerne die Metapher vom Luftballon, den man auf der einen Seite eindrückt, so dass auf der anderen Seite eine Beule entsteht. Als Oppositionspolitiker mag man so denken, als Kanzler der größten europäischen Volkswirtschaft wäre es eher gefährlich. Da kommt es darauf an, fast im Tagesrhythmus Mehrheiten zu organisieren, Kompromisse zu schmieden und Verbündete hinter sich zu versammeln. Mit dem Austeilen von Verletzungen kommt man als Staatschef nicht weit. Die vornehmste Aufgabe eines Kanzlers ist das Zusammenführen, nicht das Spalten. Diese Fähigkeit hat Steinbrück bisher noch nicht gezeigt.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar: Der richtige Mann, der falsche Ton"

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  • @VIP
    Schmidt hatte im Vergleich zu Steinbrück wegen seiner Nikotinsucht mehr Zeit zum Nachdenken!

  • ....wir werden ihn schon wählen !!!!! Immer noch besser wie eine aus der kommunistischen Kaderschmiede des Ostens.

  • Anything to get rid of this self-adoring devious Chancellor we now have. I think he's the right guy. I remember when people were laughing at Helmut Schmidt as 'Schnauze Schmidt', he turned out to be OK and Germans still love him.

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