Kommentar
Der Sado-Masochismus der Republikaner

Der knappe Ausgang der Wahl in Michigan zeigt: Die Republikaner tun sich schwer, einen Präsidentschaftsanwärter zu finden. Statt dessen führen die Kandidaten einen schmutzigen Wahlkampf gegeneinander. Obama profitiert.
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Die Wähler der US-Republikaner sind im Moment nicht zu beneiden. Sie wollen im November Barack Obama aus dem Weißen Haus jagen, aber sie müssen erst einen Kandidaten finden, der das Zeug dazu hat. Die jüngste Wahl in Michigan zeigt: Sie wissen immer noch nicht, wen sie wollen. Sie bekommen nur ständig gesagt, wen sie nicht wollen sollen. Vier haben sie noch zur Auswahl. Einen schrägen Radikal-Libertären namens Ron Paul, der die Notenbank Fed abschaffen und alle Truppen aus dem Ausland nach Hause holen will. Einen Ex-Strippenzieher aus Washington namens Newt Gingrich, den sie einst wegen moralischer Verfehlungen davonjagten und der überall Gift versprüht. Den frommen Ex-Senator Rick Santorum, der keine Ahnung von Wirtschaft hat und der Universitäten für einen Hort linker Indoktrination hält. Und schließlich Mitt Romney, einen elitären Multimillionär, der sich nur um seine Kumpels von der Wall Street sorgt und ansonsten ein verkappter Demokrat ist.

Das ist das Bild, das die Kandidaten gegenseitig von sich malen. In Reden, Interviews und Fernsehspots kübeln sie mit einer nie dagewesenen Menge an Geld und Aggressivität Schmutz über ihre Gegner aus, in einem langen, quälenden Vorwahlkampf durch die 50 Bundesstaaten. In ihrem sado-masochistischen Furor vergessen sie oft den eigentlichen Gegner: Obama. Der kann sich über das Spektakel nur freuen.

Das Establishment der Republikaner ist entsetzt, die Wähler angewidert, doch die Kandidaten machen immer weiter. Dieser Wahlkampf ist nicht nur einzigartig wegen der Aggressivität. Selten war ein Rennen auch so lange derart offen.

Das liegt vor allem daran, dass es „Die Republikaner“ so nicht mehr gibt. Die Partei ist zerrissen: Die Gemäßigten wollen einen vernünftigen Kandidaten, der etwas von Wirtschaft versteht und in Sachen Eloquenz Obama das Wasser reicht. Diese Wähler, sie scheinen in der Mehrzahl zu sein, stimmen zuverlässig für Romney. Deshalb hat er bisher die meisten Stimmen gesammelt.

Und dann gibt es die Fraktion derer, die Romney um jeden Preis verhindern wollen. Es sind die Frommen, die Erzkonservativen, die einflussreiche Tea Party, die jeden der anderen Kandidaten mal eine Zeitlang testet, ob er ihr Anti-Romney sein könnte. Das bescherte Gingrich und jetzt Santorum zwischenzeitliche Höhenflüge.

So wird es weitergehen, so quälend lange, bis sich einer von ihnen uneinholbar absetzt und im August zum Kandidaten gekürt wird. Und die besten Chancen hat immer noch Romney. Er gilt als wählbar auch für die Unabhängigen, er hat das meiste Geld und die effektivste Wahlkampfmaschine. Mit den zwei Siegen in Michigan und Arizona geht er mit Schwung in den „Super Tuesday“ nächste Woche, an dem es eine Menge Stimmen zu holen gibt.

Doch lieben werden sie ihn nicht, Romney wird der Unvermeidliche bleiben. Es ist im Moment schwer vorstellbar, wie sich die Partei im Herbst geschlossen hinter ihm vereinigen soll, nach all dem Blut, das geflossen ist. Wenn es dann auch noch mit der Wirtschaft weiter aufwärts gehen sollte, kann Obama schon mal seine Siegesrede üben.

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik

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  • Dass die Republikaner alles dafür tun, um Obamas wiederwahl auf gar keinen Fall zu gefährden, sollte doch wohl jedem aufmerksamen Beobachter seit dem ertsen Tag der Vorwahlen klar sein.

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