Kommentar
Der Staat hat versagt

Die Bilder aus New Orleans werden die amerikanische Gesellschaft noch lange verfolgen. Tage nach dem Hurrikan „Katrina“ starben Menschen an Wassermangel und Erschöpfung. Banden zogen raubend und vergewaltigend durch die Stadt. Die Bilder dokumentieren auch das Versagen des Staates bei der Aufgabe, die auch Liberale ihm zuschreiben: dem Schutz seiner Bürger.

Die Bilder aus New Orleans werden die amerikanische Gesellschaft noch lange verfolgen. Tage nach dem Hurrikan „Katrina“ starben Menschen an Wassermangel und Erschöpfung. Banden zogen raubend und vergewaltigend durch die Stadt. Erst sechs Tage nach dem Sturm konnte man von einer relativen Stabilisierung der Lage sprechen.

Die Abneigung gegen einen zu starken Staat prägt die USA. Dafür gibt es auch gute Gründe. Doch die Bilder dieser Tage dokumentieren das Versagen des Staates bei der Aufgabe, die auch Liberale ihm zuschreiben: dem Schutz seiner Bürger. Die Schuld tragen nicht allein die lokalen Behörden, die Verantwortung reicht bis an die Spitze der US-Regierung.

Die Gefahr war bekannt: Für die Fema, die amerikanische Bundesbehörde für Katastrophenschutz, zählte ein Hurrikan in New Orleans seit Jahren zu den wahrscheinlichsten Katastrophen-Szenarien. Trotzdem passierte wenig, um dem Grauen vorzubeugen. Im Gegenteil: Der US-Kongress kürzte das Budget für das Ingenieur-Korps der US-Armee, das verantwortlich ist für das nationale Deichprogramm.

Noch unmittelbar vor dem Sturm wurde der Schutz der Bevölkerung vernachlässigt: Zwar riefen lokale Behörden zur Räumung von New Orleans auf, aber Transporte für die ärmsten Einwohner organisierte niemand. Zehntausende meist schwarze Einwohner blieben zurück.

Und auch bei seiner elementarsten Aufgabe, dem Aufrechterhalten des Gewaltmonopols, versagte der Staat. Fast eine Woche versank die Stadt in Anarchie, fiel New Orleans in den vom englischen Philosophen Thomas Hobbes beschriebenen Urzustand zurück, in dem „der Mensch dem Menschen ein Wolf ist“.

Schon ist der Kongress mit Untersuchungen beauftragt. Zur Rede stehen mehr als verspätete Hilfslieferungen und zu wenige Nationalgardisten. Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag ist zerrissen, nach dem der Staat von seinen Bürgern Gehorsam erwarten darf, weil er ihnen im Gegenzug Schutz bietet. Dies zu heilen könnte länger dauern als der Wiederaufbau der Stadt.

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