Kommentar
Der Wert des Vermögens

Es lohnt sich nicht, Vermögende zur Kasse zu bitten. Europa wäre mehr geholfen, wenn Reiche wissen, wozu sie ihr Geld verwenden können. Ein Kommentar von Oliver Stock.
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Es war einmal ein alter, reicher Mann. Der hatte nur eine Tochter. Als sie sich in einen armen Burschen verliebte, schickte der Mann den hoffnungsvollen Bräutigam zur Sonne. Er sollte fragen, warum sie nicht auch in der Nacht scheine. Fände er keine Antwort, bekäme er nicht seine Tochter zur Frau und mit dem Reichtum würde es auch nichts.

Reiche sind geizig, ist die erste Lehre, die dieses Märchen bereit hält. Vermögende müssen dazu gebracht werden, etwas von ihrem Reichtum abzugeben, lautet die Schlussfolgerung, die einige märchenbewanderte Politiker daraus ziehen. François Hollande zum Beispiel, der französische Präsident möchte einen Teil des Vermögens der Reichen mit einem Steuersatz von 75 Prozent belegen.

Auch in Deutschland diskutiert der eine oder andere Retter Europas darüber, ob es nicht die Millionäre sein könnten, die etwas abgeben, damit der Staat stabiler dasteht. Und da in der Eurokrise besonders auffällt, wie klamm die Staaten sind, gewinnt die Diskussion an Schärfe. Und tatsächlich ist ja etwas daran, an dem Gedanken, dass beispielsweise Erben, die keinen Handschlag für ihr Vermögen getan haben, von diesem Geld mehr zum Gedeihen des Staates einzahlen könnten, als solche die jeden Cent im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet haben. Können Reiche Europa retten?

Sie können es nicht. Und wer ernsthaft versucht, den Gedanken in die Tat umzusetzen, wird scheitern. Er wird Europa einen Bärendienst erweisen.

Das liegt ein bisschen daran, dass Geld ein scheues Reh ist. Es hat die Neigung zu verschwinden, wenn es jemand entdeckt. Nichts ist beweglicher als Kapital, das mit einem Knopfdruck außer Landes geschickt werden kann.

Es liegt ein bisschen auch daran, dass es so schwierig ist, das Geld der Reichen zu zählen und eine Grenze festzulegen, ab der der Staat zugreifen darf. Zählt nur Bares oder auch Aktien? Und wenn Aktien zählen, verkaufen nicht alle ihre Unternehmensanteile, um der Steuer zu entgehen? Zählt überhaupt Vermögen dazu, das in Unternehmen liegt, und dort vermutlich weit mehr zum Funktionieren unserer Gesellschaft beiträgt, als wenn es in der Staatskasse versickert? Und was ist mit dem Haus, das inzwischen mehr als eine halbe Millionen Euro wert und abbezahlt ist? Eine Familie hatte es einst zur Altersvorsorge gekauft. Sein Gegenwert in Euro trägt inzwischen dazu bei, das alte Ehepaar, das darin lebt, zu Millionären zu machen - und zu solchen, die einer verschärften Steuer unterlägen.

Es liegt auch ein bisschen daran, dass soviel mehr nicht reinkommt, wenn die Millionäre stärker zur Kasse gebeten werden. Schon jetzt tragen jene 50 Prozent in Deutschland, die mehr verdienen, gut 90 Prozent zum Steueraufkommen bei. Die untere Hälfte schafft keine zehn Prozent. Was wir erleben, ist bereits eine massive Umverteilung von oben nach unten. Und nicht umgekehrt, wie uns so viele einreden wollen.

Doch das sind nicht die wahren Gründe. Es stimmt: Das alles ließe sich vermutlich regeln, wenn wir es nur wollten. Dennoch können die Reichen nichts ausrichten, wenn sie mit Zwang zum zahlen angehalten werden. Denn eine Zahlungsaufforderung, die allein auf dem Motiv beruht, dass der, der bezahlen soll, viel hat, entspricht einer Enteignung. Und nichts wirkt demotivierender als eine Enteignung.

Wir verdienen Geld, um unserer Lebensunterhalt zu verdienen. Wer mehr verdient, als er braucht, leistet sich mehr, was er nicht wirklich braucht - aber was er begehrt. Er spart, vielleicht fördert er die, die ihm nahestehen. Er bringt sein Geld da hin, wo es sich vermehrt. Das sind dann Anlageprodukte, die, wenn sie etwas taugen, aus Geld durch den chemischen Zusatz von Arbeit und Ideen mehr Geld machen. Wenn allerdings der Staat eingreift, um große Vermögen zu verkleinern, dann ist es für den einzelnen völlig wertlos, ein großes Vermögen zu bilden. Ehrgeiz wird vernichtet. Gleichgültigkeit wird gefördert. Leistung wird egal. Wir fragen uns "wozu" und vergessen das "nun los". Nur wer behalten kann, was er verdient, legt sich ins Zeug.

Damit er trotzdem teilt, muss er wissen an wen, wozu, wohin. Das genau beantwortet kein Steuereintreiber. Jede Spendenorganisation hat gelernt, dass sie mehr einnimmt, wenn sie dem Spender genau berichtet, wohin sein Geld fließt. Der Staat aber ist ein anonymer Nehmer. Er hat tiefe Taschen und es gelingt ihm nicht, den Verdacht auszuräumen, dass diese Taschen mindestens ein Loch haben.

Der junge Bursche hatte übrigens die Sonne erreicht. Sie brenne nicht bei Nacht, damit sie nichts verbrenne, hat sie ihm geantwortet. Der Bräutigam kehrte zurück und nahm die Tochter zur Frau und wurde reich beschenkt. Er wäre nicht losgegangen, ohne ein Ziel, das den weiten Weg gelohnt hätte.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar: Der Wert des Vermögens"

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  • Das ist wesentlich zu kurz gegriffen, denn Vermögen selbst erfüllt ja fast immer den Zweck des Gelderwerbes, und zwar den Gelderwerb Dritter, bei denne das Geld investiert wurde.
    Bei einer Vermögenskonzentration ist natürlich der Überschuss der beim Vermögenden verbleibt groß, im Verhältnis zum Gesamtkapital des Superreichen aber niedrig.
    Vermögen selbst ist also nur in Geld ausgedrücktes Betriebskapital.
    Eine bessere Verteilung der Produktionsmittel ist aber nicht durch Besteuerung erreichbar, sondern nur durch Begünstigung von Konkurrenz. Das aber unterbleibt als sozialer Schutz abhängig Beschäftigter und die Reichen beschweren sich natürlich nicht darüber.

    Bei einer solchen Konzentration gibt es zusätzlich noch wertmehrende Effekte, die aber bei einer größeren Konkurrenz auch automatisch den Wert schmälern, einfach weil bei größerer Konkurrenz das Risko überproportional steigt.
    Das Verbraucherverhalten auf teure Marken zu setzen verstärkt ebenfalls den Effekt der Vemögenskonzentration.

    Alles in allem geht es nicht um Abgaben, sondern um den Mangel an funktionierendem Markt!

    H.

  • Das Geheimnis liegt in der Art, wie Einkommen generiert wird und nicht in der nachträglichen Umverteilung.
    Denn der Finanzbedarf kann und wird aus zweierlei Gründen doch nicht bei den Reichen gedeckt.
    1. Es ist es ziemlich schwierig hohe Bewertungen von wirklichem Reichtum zu unterscheiden.
    2. Firmenvermögen oder Immobilien zu besteuern beinhaltet das Risiko die Substanz als Arbeitgeber oder Eigennutzer zu untergraben.
    3. Ist einmal Vermögen erworben, ist es schwierig der damit gewonnenen Macht politisch zu widerstehen.
    4. Der Versuch hier gerecht vorzugehen produziert einen irrsinnigen teuren Verwaltungsaufwand.

    Fazit: Da damit nicht genug Masse produziert werden kann, werden letztlich mittlere und kleine Einkommen immer höher besteuert um auch den letzten Cent herauszuquetschen. Was aber dem längst entstandenen fetten Bürokratieapparat erhält, der nun seinerseits mit seinem Wachstum Arbeitslose auffängt.

    Ursache:
    Wir fördern Wachstum, aber kann man Wachstum überhaupt aktiv fördern? Mengenwachstum, Größenwachstum, das kann man fördern, aber ist das überhaupt wirklich hilfreich?
    Kurzfristig ja, und hier liegt die Crux. Die bei den Wechselfällen des Lebens unfreiwillig verunglückten Bürger fordern Taten von der Politik. Und die wird gewählt, wenn sie eben fördert, was sie kann. Kleinere bankrotte Firmen werden den Größeren als Ballast aufgebürdert. Damit das funktioniert wird der Wettbewerb mit bürokratischen Auflagen verzerrt, der neue kleinere Konkurrenz unwirtschaftlich macht.
    Die Größe macht aber diese Konzerne immer mächtiger, am Ende beeinflussen sie die Politik, aufgrund ihrer schieren fianziellen Macht, oder wegen der Massen an abhängig Beschäftigten, die sie aufgelesen haben.
    Um überhaupt noch wirtschaftlich zu bleiben wird regelmäßig rationalisiert, aber nie mehr als das genug kritische Masse für den Einfluss in der Politik verbleibt.

    H.

  • Es ist pervers, wenn sich Leute aus der Mülltonne ernähren. Genau so pervers ist es, wenn Leute eine Milliarde besitzen und mit dem Geld nicht mehr wissen was sie machen sollen. Der Artikel von Herrn Stock ist Wasser auf die Mühlen der System-Profiteure. Und Hirngewaschene applaudieren natürlich auch. Herr Stock, das Beste was Ihnen passieren kann ist, dass Sie nach ein paar Jahren Ihren geschriebenen Mist kritisch reflektieren können.

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