Kommentar
Deutsche Nabelschau

Im TV-Duell zwischen Kanzler und Kandidatin wurde 90 Minuten lang intensive innerdeutsche Nabelschau betrieben. Doch dieser permanente deutsche Binnenblick ist da mehr als gefährlich. Denn Deutschlands Wohlergehen hängt auch von der Entwicklung Europas und der Welt ab.

Zur Erinnerung: Deutschland ist Exportweltmeister, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und der größte EU-Staat. Bundeswehrsoldaten stehen in Bosnien, im Kosovo und in Afghanistan. Unser Land bewirbt sich um einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat und sucht nach einer neuen Balance im Verhältnis zu den USA.

Doch, oh Wunder, im TV-Duell von Kanzler und Kandidatin, das fast 21 Millionen Zuschauer verfolgten, spielte all dies keine Rolle. 90 Minuten lang wurde stattdessen intensive innerdeutsche Nabel- bzw. Narbenschau betrieben. Sicher, die innerdeutsche Reformagenda ist wichtig. Deutschlands zukünftiger Platz in der Welt hängt entscheidend davon ab, ob und wie die enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme zu Hause gelöst werden. Das ist das Credo Merkels, die als Herausforderin stärker den Blick in die Zukunft richtete. Schröder dagegen konzentrierte sich auf die Bilanz dessen, was er in den sieben rot-grünen Jahren erreicht hat.

Doch es ist irreführend, den Zuschauern vorzugaukeln, Deutschlands gesellschaftliche und demographische Probleme könnten mit einer Dauerdebatte über Steuerreformen oder die Rückzahlung einiger Cent der Ökosteuer gelöst werden. Es geht darum, wie unser Land die Globalisierung als Chance ergreift. Der permanente deutsche Binnenblick ist da mehr als gefährlich. Denn Deutschlands Wohlergehen hängt auch von der Entwicklung Europas und der Welt ab.

„Die Wahl in Deutschland ist eines der wichtigsten Ereignisse für die Zukunft Europas“, hat Polens Präsident Kwasniewski soeben festgestellt. Dieser europäische Blick des EU-Neumitglieds Polen ist uns immer noch beschämend fremd. Dabei wird eine neue Bundesregierung sowohl in der EU wie auf der internationalen Bühne sofort nach dem 18. September gefordert sein: EU-Verfassung, Iran, Naher Osten – von Deutschland werden klare Festlegungen erwartet. Nach dem TV-Duell aber wissen wir nur: Deutschland schmort gedanklich weiter im eigenen Saft.

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