Kommentar
Deutschland denkt um

Verändert sich Deutschland möglicherweise schneller, als wir glauben? Wer diese Frage beantworten will, sollte sich vielleicht für einen winzigen Augenblick an eine nützliche Definition aus der Physik erinnern: den Unterschied zwischen Dynamik und Kinetik.

Eine zielgerichtete Reformdynamik fehlt in Deutschland nach wie vor. Zugleich aber spüren wir doch so etwas wie eine starke kinetische Veränderungsenergie. Viele Subsysteme unserer Gesellschaft sind aus ihrem statischen Gleichgewicht geraten. Die neuen Kraftlinien überlagern sich. Die Mechanik der ganzen Republik vibriert merkwürdig, als ob sie sich morgen in Bewegung setzen möchte – und übermorgen ächzend wieder rückwärtsdrehend zum Stillstand kommen könnte.

An der ökonomischen Basis der Gesellschaft haben sich im vergangenen Jahr viele Unternehmen erfolgreich restrukturiert, auf ihre Kernfelder konzentriert und im Eiltempo weiter globalisiert. Doch der Anpassungsdruck will nicht weichen, die Neuausrichtung geht weiter, der Konkurrenzkampf verschärft sich, und die Jobs bleiben unsicher.

Das tägliche Dauergezänk der Parteien überlagert die Tatsache, dass sich auch die politischen Vektoren verändern: Überall ist der treu sorgende Sozialstaat auf dem Rückzug, der allmächtige Beamtenstaat im Umbau, der sich selbst bedienende Parteienstaat in einer legitimatorischen Defensive. Bildung, Föderalismus, Europa: Die Reibungsenergie auf den Kraftfeldern der Zukunft wächst, sie baut sich nicht von selbst wieder ab, aber sie entlädt sich auch noch nicht in einen neuen Gleichgewichtszustand.

Am wichtigsten sind die Veränderungen, die sich in den Köpfen der Menschen entwickeln. Deutschland denkt um. Patriotismus, Einwanderung, Sozialhilfe: Ein neuer Ton kommt in die Debatten, die politischen Tabuisierungen brechen auf. Ein neuer Realismus macht sich breit, der sich nicht mehr so leicht mit Moralkeulen oder rhetorischen Ritualketten verjagen lässt. Es regiert mehr „common sense“ und weniger Utopismus, mehr internationales „Benchmarking“ und weniger deutscher Eskapismus, eine neue Nüchternheit und ökonomische Vernunft im allerursprünglichen Sinne des Wortes.

Der Glauben an die Wunderrezepte der Vergangenheit („Die 35-Stunden-Woche schafft Arbeitsplätze“, „Die Mitbestimmung macht uns stark“) schwindet. Die Illusionen von der Selbstfinanzierung sozialer Wohltaten platzen. Man fragt stattdessen, was noch machbar ist. Selbst in der Kulturszene verdunsten einige selbstreferenzielle Gewissheiten. Man ruft nach Mäzenen und privater Initiative, wo man sonst auf „Staatsknete“ rekurrierte und „Rechte“ einforderte. Unsere Meisterdenker in den Feuilletons verstummen vor der Wirklichkeit, die antikapitalistischen Reflexe schwächeln. Noch aber wäre es viel zu früh zu glauben, dass wir die lähmende kulturelle Hegemonie der letzten zwei Jahrzehnte überwunden hätten.

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Diese Erkenntnis stammt von einem Physiker, von Albert Einstein. 2005 wird, aus Anlass seines 50. Todestags, zum Einstein-Jahr. Vielleicht eine gute Gelegenheit für uns, ein Stück weiter umzudenken als 2004.

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