Kommentar
Die alten Reflexe

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch der Gewalt in Frankreichs Vorstädten im letzten Herbst und der aktuellen Krise. Der aktuelle Gesetzesentwurf sollte ursprünglich die Einstellung von Jugendlichen erleichtern. Er war als Antwort auf die trostlose Lage von Frankreichs Vorstadtjugend gedacht. Doch statt Zustimmung erntete die Initiative nur neue Proteste, die das Land an den Rand einer Regierungskrise führten.

Angesichts der spektakulären Bilder von der Besetzung der Sorbonne wurden die Proteste oft mit der Studentenbewegung vom Mai 1968 verglichen. Davon kann indes keine Rede sein. Die 68er-Generation forderte eine neue Gesellschaft. Heute gebärden sich die Demonstranten als die wahren Konservativen, die sich nach der kuscheligen Arbeitswelt der dreißig goldenen Jahre nach dem Krieg zurücksehnen. Diese Rückwärtsgewandtheit ist Besorgnis erregend, da sie einen Teufelskreis von Protest, Versprechen, Enttäuschung und erneutem Protest provoziert.

Wie konservativ Frankreichs junge Generation ist, musste bereits Ex-Bildungsminister François Fillon erfahren. Dieser wollte Anfang letzten Jahres die Regeln für das staatliche Abitur leicht modifizieren. Die Idee: Wie in Deutschland lange üblich, sollten zum Abitur nicht nur die Noten des Schlussexamens zählen, sondern auch die Leistung des gesamten Schuljahrs. Die Schüler zogen mit dem Slogan „Taste nicht mein Abitur an!“ auf die Straße. Präsident Chirac pfiff seinen Minister prompt zurück.

Frankreichs Jugend hat heute gewiss alle Gründe, auf die Straße zu gehen: Sie stellt die erste Nachkriegsgeneration, der es schlechter gehen wird als der Elterngeneration, sie ist überdurchschnittlich von der Arbeitslosigkeit betroffen. Auch vom Wohnungsmarkt wird die Jugend zunehmend ausgeschlossen: 65 Prozent der jungen Männer und 50 Prozent der jungen Frauen leben heute noch bei ihren Eltern, 1975 waren es 35 beziehungsweise 20 Prozent.

Generell wird in Frankreich für solche negativen Entwicklungen die Zentralgewalt verantwortlich gemacht. Andererseits wird aber gerade von ihr eine Lösung der Probleme erwartet. Diese Staatsgläubigkeit ist ein altes französisches Übel. Schon in der Revolution von 1789 wurde die These vertreten, dass nur der Staat, dessen Regierung durch freie Wahlen bestimmt wird, für das Wohl des Volkes sorgen kann. Diesem Trugschluss unterliegen auch die heute protestierenden Studenten.

Seite 1:

Die alten Reflexe

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%