Dieselgate

Die Verantwortung für den Skandal liegt nicht allein bei der Industrie.

(Foto: dpa)

Kommentar Die Autoindustrie trägt nicht die Alleinschuld am Dieselskandal

Daimler-Chef Dieter Zetsche bekommt im Dieselskandal die öffentliche Empörung ab. Doch die Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern.
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FrankfurtNun steht Daimler-Chef Dieter Zetsche für die gierigen Bosse der Automobilindustrie. Um Ausgaben für die Entwicklung sauberer Motoren zu sparen, haben die Unternehmen getrickst und betrogen, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergab. Schlimmer könnte das öffentliche Bild des größten Industriezweigs und wichtigen Arbeitgebers in Deutschland kaum noch sein.

Als Zetsche am Montag durch den Ausgang des Berliner Verkehrsministeriums schritt, da hatte die Öffentlichkeit einen weiteren Schuldigen für den Betrug. Daimler muss über 700.000 Autos zurückrufen, weil diese laut Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) unerlaubte Abschaltfunktionen in ihrer Motorensteuerung enthalten.

Die Fahrzeuge stoßen somit mehr Emissionen aus als erlaubt. Mit der Vorladung des Managers Zetsche geriert sich der Politiker Scheuer als Aufklärer in einer nicht enden wollenden Skandalserie. Auch Audi und BMW mussten einzelne Modell zurückrufen, weil sie illegale Abschaltfunktionen installiert haben.

Der Unmut unter den Bürgern und in der Politik ist groß. Die Schuldigen sind leicht identifiziert. So einfach ist die Lage aber nicht. Für das Desaster der gefälschten Abgaswerte trägt nicht allein eine hochbezahlte Managerkaste die Schuld. Die Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern. Hat die Politik nicht die Graubereiche zugelassen, die Volkswagen, Daimler und BMW ausschöpfen und letztlich über das erlaubte Maß hinaus überschreiten konnten? Und hat der Kunde nicht klaglos akzeptiert, dass die von den Firmen angegebenen Verbrauchsangaben für die Fahrzeuge in der Praxis nie eingehalten werden konnten?

Seien wir ehrlich: Der Abgasbetrug hat viele Väter. Betrug und Selbstbetrug liegen nah beieinander. Schuldfrei sind allenfalls Radfahrer und Fußgänger, solange sie in den vergangenen 30 Jahren weder CDU/CSU noch SPD oder FDP gewählt haben.

Diese Parteien haben in der Regierungsverantwortung und gestützt durchs das Wählervotum der Autoindustrie trotz anderslautender Beteuerungen den Rücken freigehalten und Themen wie Umweltschutz und Gesundheit untergeordnet. Ziel war es, möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.

Parallelen zur Finanzkrise

Eine solche unheilvolle Allianz von Wirtschaft, Politik und Kunden führte auch zur Finanzkrise von 2008. Da hatten in den USA die Banken Hauskredite an Menschen vergeben, obwohl diese sie niemals würden zurückzahlen können. Beiden Seiten war dies bewusst. Möglich wurde dieser Wahnsinn, weil Banker in wichtige Regierungsämter befördert worden waren. Die Kontrollen der Finanzinstitute waren entsprechen lax. Die Folgen für die Weltwirtschaft waren verheerend.

Der Betrug bei den Abgaswerten folgt dem gleichen Muster, auch wenn die Verheerungen kleiner als bei der Finanzkrise sein sollten. Um die Misere der Autoindustrie zu überwinden, muss sich jeder zu seiner Verantwortung bekennen. Zetsche und seine Mitstreiter in den Chefetagen von BMW und Volkswagen müssen endlich ernsthaft die Hintergründe aufklären und die Ursachen beseitigen. Andernfalls wird die Industrie das Vertrauen nicht zurückgewinnen können.

Aber nicht nur die Autobauer werden sich bewegen müssen, handeln muss auch die Politik. Die Bundesregierung muss ein klares Regelwerk schaffen und dem Kraftfahrt-Bundesamt die Mittel geben, damit die Einhaltung der Gesetze auch wirklich kontrolliert werden kann. Indem er Zetsche durch die öffentlichkeitswirksame Vorladung an den Pranger stellt, versucht CSU-Politiker Scheuer, auch die Fehler in den eigenen Reihen zu kaschieren.

Gefragt sind aber auch die Kunden. Wir Autokäufer müssen akzeptieren, dass die Reinigung der Abgase Geld kostet. Bei der nächsten Neuanschaffung wird das Fahrzeug dann einige Hundert Euro teurer sein. Industrie, Politik und Autofahrer müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein, sonst wird die Abgasaffäre in ihr viertes Jahr gehen. Diese Verantwortung anzunehmen ist mit Blick in die Zukunft entscheidend.

Zumal sich die Industrie ganz anderen Herausforderungen stellen muss. Ab dem kommenden Jahr wollen VW, BMW und Daimler ihre Modellpalette auf Elektromobilität umstellen. Es ist ein Kraftakt, der viele Milliarden für Entwicklung und Vermarktung der neuen Fahrzeuggattung verschlingen und die Branche grundlegend umwälzen wird.

Die E-Autos sind zwar mit Blick auf die lokale Emission von Schadstoffen eine Verbesserung, aber die Lösung aller Probleme sind auch sie nicht. Für die Produktion der Batterien werden Seltene Erden benötigt, die teils nur mit radikalen Eingriffen in die Natur geborgen werden können.

Ganz abgesehen davon, dass der Strom für die elektrisch betriebenen Fahrzeuge vorerst konventionell, also aus fossilen Brennstoffen hergestellt wird. Mit den Elektroautos muss das nächste Umweltproblem gelöst werden. Zuvor aber sollte Dieselgate abgeschlossen sein.

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  • Sehr geehrter Herr Murphy,

    nach meiner Aufassung sehen Sie allein schon die Fakten völlig falsch. Wenn Sie sich heute - es geht um heute und nicht um die Sünden der Vergangenheit - ein Diesel-Fahrzeug mit der Abgasnorm EU 6 kaufen, hat das Auto einen sogenannten SCR-Kat. Den kriegen Sie nicht etwa geschenkt, Sie müssen ihn mit der Entrichtung des Fahrzeugpreises teuer bezahlen. Soweit so gut. Und in soweit haben wir kein Diskussionsthema.

    Aber damit der teuer eingekaufte SCR-Kat das Abgas auch reinigt, muß permanent eine Harnstofflösung ("ad blue") eingespritzt werden, die in einem separaten Tank mitgeführt wird. Eigentlich überhaupt kein Problem.

    Aber leider wollen einige Autoherstelle beim Ad blue-Tank einige Cents sparen. Sie haben deshalb den Behälter viel zu klein dimensioniert. Ihre Kunden zwischen den Inspektionsintervallen in die Werkstatt zum nachtanken von ad blue zwingen, wollen die Autohersteller aber auch nicht. Also haben sie sich verschiedene Wege ausgedacht, die Abgasreinigung völlig abzuschalten. Für diese Entscheidung, die einfach nur dumm ist, tragen die Autofirmen die alleinige Verantwortung.

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