Kommentar
Die Gründergeneration ist abgetreten

Die Parteispitze der Grünen hat sich neu formiert. Der Abschied der Gründergeneration ist eine Chance auf eine weniger ideologische Aufstellung – unabdingbar sowohl für Schwarz-Grün und Rot-Rot-Grün.
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BerlinDie Grünen haben auf dem Parteitag ihre personelle Neuaufstellung beendet und dabei eine Mischung aus Erneuerung und Kontinuität gewählt: Cem Özdemir bleibt Parteichef und hat nun die Chance, doch noch ein starker Koordinator der Realos zu werden.

Dass ihm lediglich 71,4 Prozent der Delegierten ihre Stimme gaben, ist keine Überraschung: Auch er musste Verantwortung für das miese Wahlergebnis übernehmen. Nachdem die führenden Linke Claudia Roth und Jürgen Trittin sich zurückziehen, konnte Özdemir nicht ungeschoren davon kommen.

Die noch völlig unbekannte neue Co-Parteivorsitzende Simone Peter erhielt magere 75,9 Prozent der Stimmen. Sie steht in der Tradition von Claudia Roth für den linken Flügel, zugleich aber für Pragmatismus und Realpolitik. Sie hat im Saarland als Umweltministerin in einer Jamaikakoalition mitregiert – unter Führung von Peter Müller und Annegret Kramp-Karrenbauer.

Das passt zur neuen Marschrichtung der Grünen: Sie wollen sich bis 2017 sowohl die schwarz-grüne als auch die rot-rot-grüne Option eröffnen. Das geht ernsthaft nur mit Pragmatikern, die zugleich das Kunststück vollbringen, den lauernden Flügelkampf über diese Ausrichtung zu vermeiden.

Die Geschichte der FDP zeigt, dass der Wechsel des Koalitionspartners, der Wechsel ins andere Lager, eine Partei zerreißen kann. Die Grünen haben nun die Chance, den Prozess der Öffnung in der Opposition mit Ruhe voranzutreiben.

Personell hat sich auf diesem Parteitag die Gründergeneration endgültig verabschiedet: Jürgen Trittin, Claudia Roth und Renate Künast haben die Spitzenplätze geräumt. Das ist eine Chance auf eine weniger ideologische Aufstellung, die für den angepeilten zweigleisigen Kurs unabdingbar ist.

Wenn die Grünen die Öffnung auch in Richtung Union ernst meinen - und danach sieht es aus - dann marschieren sie nun in Richtung Normalisierung. Raus aus den links-grünen Wärmestuben, raus aus dem selbst-referentiellen Milieu. Wenn die Ökopartei die rund 15 Prozent und mehr der Wähler für sich gewinnen will, die sie fast zwei Jahre lang in den Umfragen auf ihrer Seite hatte, geht das nur, wenn künftig auch solche Menschen ihr Kreuz bei den Grünen machen, für die das kein Glaubensbekenntnis ist. Eine solche Normalisierung könnte das deutsche Parteiensystem ab 2017 rundlegend ändern - unabhängig davon, ob die FDP zurückkehrt oder nicht.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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