Kommentar

Die Inflation kommt morgen

Die Ökonomie lässt sich nicht austricksen: Der Euro konnte vorerst noch einmal gerettet werden, doch Europas Wettbewerbsfähigkeit noch lange nicht, warnt Zeit-Herausgeber Josef Joffe und verweist auf die Asset-Inflation.
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Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

(Foto: picture alliance / ZB)

Alles wird gut. Der Aktienmarkt steigt, der Euro auch. Die Zinsen fallen, der Euro ist gerettet. Schon im Juli, nachdem EZB-Chef Draghi das Füllhorn zu öffnen versprochen hatte, plumpste die Rendite spanischer Kurzläufer von sieben auf drei Prozent. Die Bank wird nun unbegrenzt Wackelbonds aufkaufen, um die Zinsen permanent zu drücken.

Die EZB, die nur der "Preisstabilität" dienen durfte, wird zur Geldmaschine. Wie die Federal Reserve und die Bank of England wird die EZB unbegrenzt Geld drucken. Der letzte "Störenfried" - Deutschland - hat mit dem Karlsruher Urteil den Weg frei gemacht für den Rettungsfonds ESM; ade Maastricht-Vertrag, der den Euro-Staaten verbietet, für die Schulden anderer Mitglieder aufzukommen.

Schließlich die dritte gute Nachricht: die "Resynchronisierung" der atlantischen Wirtschaftspolitik. Erinnern wir uns. Nach dem Crash von 2008 haben Amerikaner und Briten Super-Keynesianismus betrieben, mit Fast-null-Zinsen und massiven Konjunkturprogrammen, die das Staatsdefizit auf zehn Prozent vom BIP katapultierten. Die Europäer aber schalteten auf Austerität, was der deutschen Kanzlerin barsche Ermahnungen aus Übersee eintrug. Die Familienzusammenführung ist perfekt, wir sind nun alle Keynesianer. Nichts kann den Bruch mit der Stabilitätskultur besser belegen als der verschleierte Angriff des Finanzministers auf Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der als Einziger im EZB-Rat gegen den unbegrenzten Ankauf von Staatsschulden gestimmt hatte. Sein Gemosere werde nicht zur "Stärkung des Vertrauens in die Notenbank beitragen". Vorbei mit all den Argumenten, die Wolfgang Schäuble gegen das Teufelswerk Schuldenunion und Euro-Bonds aufgefahren hatte.

Geldmaschine hüben wie drüben, wo die Fed mit ihrem "QE3", also der dritten wundersamen Geldvermehrung, für rund eine halbe Billion Dollar pro Jahr Hypotheken aufkaufen will - unbefristet. "Whatever it takes", wie Mario Draghi, der "Zauberer" (der "Economist"), im Sommer verkündete.

Der Euro wird um jeden Preis gerettet
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12 Kommentare zu "Kommentar: Die Inflation kommt morgen"

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  • Der Euro wird gerettet, um jeden Preis.
    Ja genau, auch um den Preis der völligen Vernichtung des Landes.

  • Ihre Rechnung mag so stimmen, nur waren die Bundesschätzchen damals u.A. sogenannte Langläufer, die auf die Laufzeit gesehen schon eine entsprechende Rendite brachten, da die inflationären Tendenzen suckzessive abgebaut werden konnten.

  • @Moika

    "Erinnern Sie noch an die 70ger des letzten Jahrhunderts? Als die Bundesbank fast 9 Prozent auf die Bundesschätzchen zahlen mußte, weil Rot/Gelb den letzten Sachverstand in der Finanzpolitik sausen ließ?"

    Das ist nur die halbe Wahrheit. 1973 hatten wir 7,1% Inflation (Quelle: http://www.unciatrends.com/inflation-entwicklung-historische-inflationsraten-deutschland/). Bei "fast 9% Zinsen" vor Inflation sind das fast 1,9% Zinsen nach Inflation.

    Spanien hat derzeit 2,7% Inflation (Quelle: http://de.global-rates.com/wirtschaftsstatistiken/inflation/verbraucherpreisen/vpi/spanien.aspx). Macht nach Inflation 4,3%.

  • Mein lieber Herr Joffe,

    die Weisheit des "je mehr Geld in den Markt gepumpt wird, desto schneller steigen die Preise" ist ja richtig. Nur: wohin sind die Gelder der EZB, die die Banken nur zu gerne nahmen, denn geflossen? Zu 95 Prozent nicht in die Wirtschaft der Länder - auch die Verbraucher profitieren bei den für sie relativ hohen Zinsen nicht davon!

    Die Gelder wurden zum großen Teil spekulativ in den verschiedensten Märkten, vor allem auch in Schwellenländern und der dritten Welt angelegt. Dort bringt die importierte Liquidität die Finanzen teilweise übel durcheinander. Das wird auch noch Folgen für uns haben....

    Und was die unerträglichen 7 Prozent für Spanien und die anderen betrifft: Erinnern Sie noch an die 70ger des letzten Jahrhunderts? Als die Bundesbank fast 9 Prozent auf die Bundesschätzchen zahlen mußte, weil Rot/Gelb den letzten Sachverstand in der Finanzpolitik sausen ließ?

    Ist Deutschland darob Pleite gegangen? Nein. Man mußte sich allerdings bescheiden - aber das funktionierte schließlich. Ich werde mich zukünftig aus diesem Themenkomplex aussklinken, es reden mir zuviel Experten zuviel Blödsinn.

    Wann ist, bzw. wie wird man eigentlich ein Experte? Etwa, wenn man sich selbst dafür hält?

    Ein schönes Wochenende!

  • Eine Plattitüde, stimmt aber wohl dennoch: Die Hoffnung stirbt zuletzt….

  • Sehr intelligente Ausführungen von Herrn Joffe.
    Konsequenterweise dürfte die Dauerlüge der Euro-Retter Euro = Europa dann auch in der "Zeit" nicht weiter verbreitet werden.
    Wir sind gespannt, ob dort ab jetzt mehr intelligente Menschen wie Gauweiler und Professor Sinn zu Wort kommen, statt dass wie bisher Lügen von Schäuble und Propaganda von Bofinger gedruckt werden.

  • Die Inflation kommt nicht erst morgen. Sie ist schon längst da. Nur das ihre Höhe mit nur 2% erheblich zu niedrig taxiert ist. Wir bewegen uns schon in Bereichen von 10 - 30 Prozent. Das kann jeder selbst beim Einkaufen feststellen. Die vorhandene reale Kaufkraft unserer Währung ist maßgebend, nicht die von Politikern erträumte.

  • "Jetzt wird die Inflation gerade in Deuschland kommen, sobald die Asset-Inflation auf Tarifverhandlungen durchschlägt und die Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt. Bald werden alle - zurecht - ein Stück vom Kuchen wollen! "
    Ja, aber nur wenn die Gewerkschaften auch durchhalten, aber diese sorgen auch lieber dafür das Konzerne Dividende ausschütten, als das die Arbeitnehmer vom Millardenüberschuß was ab bekommen.
    Dieses System ist in der Lage Inflation so zu gestalten, das es immer nur einer Seite gefällt. Und das ist die eigentliche Gefahr. Mehr Lohn in Deutschland tut Europa überhaupt keinen Abbruch, zum jetzigen Zeitpunkt sogar eher das Gegenteil.
    Es ist piepegal ob ein Italiener für Euro oder dem Gegenwert in Lira seine Rohstoffe einkaufen muß. Der Gegenwert ist derselbe, Wettbewerbsfähigkeit erreicht man nicht durch Abwertung, sondern dem Streben nach derselben, Kooperation und Bildung.

  • Sehr vielen Dank Herr Joffe, ich kann Ihren Thesen nur zustimmen. Wenn ich mir allerdings DIE ZEIT ansehe, wird aber was gänzlich anderes verbreitet.

    Sehr wichtig finde ich in diesem Zusammenhang auf die Grundursachen der Dotcom-blase und der Subprimekrise hinzuweisen: Beides mal war der hochgelobte Greenspan der Schuldige. Befeuert noch von Clinton (redlining) und Bush (Lehman KO)konnten sich so riesige Blasen bilden.

  • Kluger Joffe-Kommentar, kürzer und treffender kann man die Situation kaum beschreiben! So sehr ich den Euro liebe und Europa, auf ersteren hätte Deutschland verzichten sollen. Das Moral-Hazard-Problem wird nicht dauerhaft zu lösen sein und Deutschland passt nicht in die Währungsunion, es ist zu wettbewerbsfähig für den Süden. Die Idee Nord- und Süd-Euro (ohne Zollschranken, also sonst alles wie gehabt) wäre unmittelbar teurer, aber eine sehr nachhaltige Lösung gewesen. Der Süden entschuldete und gewönne Wettbewerbsfähigkeit über Abwertung zurück, die Bankguthaben der Kleinsparer blieben in Hartwährung, Löhne und Gehälter nicht. Den Traum von Europa hätte das nicht beeinträchtigt, man hätte es nur als sozialverträglichste Maßnahme vermarkten müssen. Jetzt wird die Inflation gerade in Deuschland kommen, sobald die Asset-Inflation auf Tarifverhandlungen durchschlägt und die Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt. Bald werden alle - zurecht - ein Stück vom Kuchen wollen!

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