Kommentar
Die Jobwende bleibt aus

Deutschlands Konjunktur zieht an, die Konzerne verdienen prächtig. Nur Mitarbeiter einstellen, das wollen sie nicht. Alles nur eine Frage der Zeit? Schließlich folgte bislang jedem Aufschwung die Wende am Arbeitsmarkt immer erst mit Verzögerung.

So gesehen, könnte sich die Bundeskanzlerin entspannt zurücklehnen und darauf vertrauen, dass auch diesmal alles nach Plan verläuft. Doch Vorsicht: Deutschland erlebt den ersten Aufschwung im Zeitalter eines blühenden Internets und damit der kurzen Wege. Vieles spricht dafür, dass die Uhren deshalb anders ticken – nach neuen globalen Regeln.

Abgesehen von den wenigen erfolglosen teilen sich Deutschlands Großunternehmen derzeit in drei Klassen: Die einen, etwa die Deutsche Telekom, sind heftigem Wettbewerb ausgesetzt, weil Konkurrenten auf den Markt drängen und der Preisverfall die Margen schmälert. Die Konsequenz: Um bestehen zu können, strafft die Telekom ihre Geschäftsfelder und baut Personal ab.

Die zweite Klasse, BASF etwa gehört ihr an, profitiert ganz ausgezeichnet von der boomenden Weltkonjunktur und erzielt Rekordgewinne. Das Ergebnis: Der weltgrößte Chemiehersteller baut an seinem Hauptstandort Ludwigshafen Personal ab, weil weniger Mitarbeiter dank des technologischen Fortschritts immer mehr produzieren. Zu dieser Spezies gehört auch das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, der Maschinenbau. Er jagt dank toller Exporte von einem Produktionsrekord zum nächsten. Doch selbst im größten Boom seit der Euphorie nach der Wiedervereinigung Anfang der 90er-Jahre werden nicht mehr, sondern geringfügig weniger Arbeitskräfte benötigt.

Der dritten Klasse, hier findet sich zum Beispiel SAP, geht es noch ein Stück besser. Die Nachfrage ist so groß, dass die Walldorfer wie schon im Vorjahr 3500 Mitarbeiter einstellen. Aber in erster Linie dort, wo die Nachfrage am steilsten steigt: in China, Indien und den USA.

Diese Beispiele zeigen, wohin die Reise führt. Je besser es den großen Unternehmen geht, desto eher stellen sie zwar ein. Aber, und das ist der Unterschied zu allen früheren Aufschwüngen: Dank immer freierer Märkte und dank des Internets, das die Konzernzentralen immer enger mit ihren Außenstellen vernetzt, spielen Wege kaum noch eine Rolle. Viel wichtiger ist erstens Kundennähe und zweitens das Ziel, möglichst viel in Ländern mit qualifiziertem und preiswertem Personal herzustellen.

Für Deutschland bedeutet das: Gleichgültig, wie stark die Konjunktur brummt und wie sehr die Politik dafür sogar ein Stück Verantwortung tragen mag, viele neue Stellen bringen die Rekordgewinne der Unternehmen nicht. Egal, ob Rot oder Schwarz darüber pflichtschuldigst jammern oder nicht. Um eine Wende am Arbeitsmarkt herbeizuführen, muss Arbeit billiger und damit konkurrenzfähiger werden. Nur dann lohnt es sich für deutsche Unternehmen, auch in Deutschland wieder begrenzt einzustellen.

Davon ist die große Koalition nach der Gesundheitsreform samt höheren Kassenbeiträgen aber weiter entfernt als viele frühere Regierungen. Denn nicht höhere, sondern niedrigere Lohnnebenkosten sind der beste Weg zu mehr Beschäftigung – und zu mehr Geld in den Sozialkassen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%