Kommentar
Die Lage ist ernst - aber nicht verzweifelt

Vor 14 Jahren ist der ZEW-Index zum letzten Mal so stark gefallen wie in diesem Monat. Ganz offensichtlich sind Analysten und Anleger in Panik verfallen. Dabei wäre das gar nicht nötig.
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Das Signal ist mehr als eindeutig: Der ZEW-Indikator ist im Juni gegenüber der letzten Umfrage im Mai um knapp 30 Punkte nach unten gerast – und damit so rasant gefallen, wie seit Herbst 1998 nicht mehr. Die befragten Finanzmarktexperten, das haben sie mehr als deutlich gemacht, sind hoch nervös. Wen wundert's.

Zum einen hat ein Großteil der 274 Analysten und institutionellen Anleger, die das ZEW Monat für Monat um ihre Meinung bittet, seine Einschätzung vor der Wahl in Griechenland zu Protokoll gegeben – und damit in einer Phase der höchsten Unklarheit über die Zukunft der Euro-Zone. Mit 40 Personen ist der Anteil derer, die erst am Montag – als das Wahlergebnis bekannt war - dem ZEW ihre Erwartungen schilderten, zu klein, um verlässliche Rückschlüsse über den Einfluss des Wahlausgangs zu ziehen.

Zum anderen hat sich die europäische Schuldenkrise seit der letzten Umfrage im Mai auch in den großen Volkswirtschaften Spanien und Italien vehement verschärft. Die Skepsis der Befragten ist also absolut nachvollziehbar.

Trotzdem ist Panik nicht angebracht. Denn der Index beschreibt eben vor allem die Stimmungslage an den Märkten – nicht mehr, nicht weniger. Um die Konjunkturentwicklung vorhersehen zu können und zu erahnen, wie sich Fundamentaldaten entwickeln werden, gibt es weitaus verlässlichere Instrumente: Umfragen unter Unternehmen. Also Umfragen unter denen, die investieren, exportieren und produzieren.

Insofern kommen die spannenden Nachrichten erst am Ende dieser Woche. Am Donnerstag veröffentlicht zunächst der Informationsdienstleister Markit eine erste Schätzung seiner Befragung unter Einkaufsmanagern. Einen Tag darauf veröffentlicht das Münchener Ifo-Institut die Ergebnisse seiner Unternehmensbefragung.

Auch diese Barometer dürften sinken, aber nicht so dramatisch wie der ZEW-Index. Die Nachfrage aus wichtigen Absatzmärkten hat sich zum Teil zwar abgeschwächt.

Aber erstens gibt auch die Weltkonjunktur zumindest kleine Signale, die Mut machen. So hat China mit einer Zinssenkung das Wachstum angekurbelt. Und die amerikanische Notenbank wird im Wahljahr keinen Wachstumseinbruch riskieren wollen.

Und zweitens ist die Inlandsnachfrage in Deutschland inzwischen zu einer Stütze geworden. Die hohe Zahl der Beschäftigten und die steigenden Löhne ermöglichen das.

Kommentare zu " Kommentar: Die Lage ist ernst - aber nicht verzweifelt"

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  • Bin ich anderer Meinung. Ich denke:

    Die Lage ist verzweifelt - aber keiner nimmt sie ernst.

  • Zur Beurteilung einer stark exportorientierten Wirtschaft sollte nicht die wahrscheinlich stagnierende Binnennachfrage bemüht werden. Im Übrigen ist es nicht unwahrscheinlich, daß die befragten Analysten mental voneinander abschreiben. So wie auch die Medien.


    OT: Gutes Bild!

  • All is well. Nothing to see here. Move along!

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