Kommentar: Die Logik des Champions

Kommentar
Die Logik des Champions

Das Timing ist perfekt. Die Warnungen der EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes vor den Gefahren einer Konzentration auf den Energiemärkten sind noch nicht verhallt, da holt Eon-Chef Wulf Bernotat schon zum großen Schlag aus.

Der deutsche Strom- und Gaskonzern will den spanischen Energieversorger Endesa kaufen. Das Gesamtvolumen des Geschäfts beläuft sich auf spektakuläre 55 Milliarden Euro und sprengt alle Maßstäbe dieser Branche. Einen besseren Beleg für ihre Befürchtungen hätte die EU-Kommissarin selbst kaum liefern können. Noch bevor der Wettbewerb überhaupt richtig in Gang kommt, wird die Marktmacht unter Europas Energieversorgern neu verteilt. Wenig Erfolg hat Kroes auch bisher mit dem Versuch, die nationalen Energiemonopole zu knacken. Nun kommt Eon daher und komplettiert sein ohnehin schon dichtes europäisches Netzwerk an Strom- und Gasversorgungsunternehmen mit einem neuen Megadeal. Wie soll da Wettbewerb entstehen?

Doch die Fusion lässt sich auch ganz anders bewerten. Der nationale Champion Eon-Ruhrgas mischt die europäische Energielandschaft auf. Das ist in Deutschland politisch gewollt, sonst hätten die beiden Unternehmen vor drei Jahren gegen alle Bedenken der Kartellwächter keine Ministererlaubnis für ihren Zusammenschluss bekommen, und es gäbe vielleicht gar kein Kaufangebot für Endesa. Die nationale Fusion hat zweifellos erst die wirtschaftliche Grundlage für diese transnationale Übernahme geschaffen.

Aus der deutsch-spanischen Folgeverbindung Eon-Endesa könnte jetzt einer dieser europäischen Champions entstehen, von denen Politiker gern träumen, nicht nur in Berlin. Ein international wettbewerbsfähiger Energiekonzern, der dank seiner Finanzstärke und Einkaufsmacht in der Lage ist, den launischen Energielieferanten Paroli zu bieten. Und der damit einen Beitrag zur Versorgungssicherheit liefert. Ein Argument, das angesichts explodierender Energiepreise und wachsender Lieferengpässe an Schärfe kaum zu überbieten ist.

Damit verteidigt die Industrie ihre globale Einkaufspolitik und begründen viele Regierungen ihre Unterstützung für solche Allianzen. Auch die Protagonisten der umstrittenen Eon-Ruhrgas-Fusion setzten auf den Joker Versorgungssicherheit. Nur: Eon zieht diese Karte nicht, allenfalls verdeckt, weil Endesa nur in bescheidenem Umfang Zugang zu anderen Erdgasquellen als russischen schafft.

Zwischen industriepolitischer Theorie und betriebswirtschaftlicher Praxis liegen eben Welten. Die Regierungen haben wenig Einfluss darauf, was die von ihnen geförderten Champions aus ihrer Stärke machen. Wäre Eon jetzt mit 55 Milliarden in die Gasförderung eingestiegen, gäbe es keine Zweifel. Dahinter stünde klar das Ziel, den Nachschub zu sichern.

Doch Eon kauft in Spanien einen Stromversorger – und schaltet damit einen potenten und potenziellen Wettbewerber aus. Eon-Chef Bernotat hat – strategisch – mit seinem Milliardendeal eine konsequente Entscheidung gefällt. Dem Wettbewerb hat er aber einen Bärendienst erwiesen. Nun muss und wird Frau Kroes dafür sorgen, dass die Öffnung der abgeschotteten nationalen Energiemärkte keine leere Drohung bleibt.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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