Kommentar
Die nächste Lichtgestalt

Als Kai-Uwe Ricke im November 2002 den Chefposten der Deutschen Telekom antritt, besitzt er den Nimbus einer Lichtgestalt. Seit langem gilt der 41-Jährige als Kronprinz des immer tiefer sinkenden Sonnenkönigs Ron Sommer. Er besitzt den Charme der Jugend und befasst sich mit den zukunftsträchtigsten Technologien der Branche: Mobiltelefonie und Internet. Diesem Mann traut man zu, den unter einem gigantischen Schuldenberg ächzenden Konzern in eine bessere Zukunft zu führen.

Vier Jahre später gleichen sich die Bilder wieder, nur die Personen sind andere. Die Lichtgestalt hat abgewirtschaftet. Der Telekom laufen die Kunden scharenweise davon. Der Bund als größter Aktionär entschließt sich nach einigem Hin und Her für einen Chefwechsel. René Obermann wird Ricke ersetzen. Mit seinen 43 Jahren besitzt der stets jungenhaft lächelnde Obermann das Prädikat „strahlender Hoffnungsträger“. Genauso wie seinerzeit Ricke sitzt der Manager auf den richtigen Themen – in diesem Falle Mobilfunk und Vertrieb. Wird es Obermann gelingen, die Telekom in eine bessere Zukunft zu führen?

Eines vorneweg: Der Mann ist kein Zauberer. Auch er wird den Konzern nicht einfach aus dem Schraubstock befreien können, in den aktuell alle europäischen Ex-Telefonmonopolisten eingespannt sind. Trotz seines hochgelobten Verkäufertalents wird er die Regulierungsbehörde nicht davon abbringen können, weiterhin mit eiserner Hand für eine Verschärfung des ohnedies mörderischen Wettbewerbs zu sorgen. Trotz seiner Technikbegeisterung wird er es nicht schaffen, den in weiten Teilen immer noch traditionellen Fernmeldeanbieter mit seinen Heerscharen an Ex-Beamten rasch in eine moderne, Internet-zentrierte Company zu verwandeln.

Und trotz seines politischen Geschicks wird er die Tücken eines staatlichen Kontrollaktionärs zu spüren bekommen. Denn egal welche Bundesregierung auch immer regiert, sie wird vom Chef der Deutschen Telekom stets das Unmögliche verlangen: eine hohe Rendite zu erwirtschaften bei möglichst wenig Personalabbau.

Obermann ist aber keineswegs machtlos. Er wird nur vieles anders machen müssen als Ricke. War es dem zu Anfang seiner Amtszeit noch vorbildlich gelungen, den Schuldenabbau voranzutreiben und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, so agierte er zuletzt mut-, glück- und phantasielos. Führungsschwach wollte er es allen gleichzeitig recht machen. Dabei erkannte er nicht, dass die kurzfristigen Interessen der Arbeitnehmer mit jenen der Politik und des Finanzinvestors Blackstone – des zweitgrößten Anteilseigners der Telekom – unvereinbar sind.

Obermann wird sich nun klar äußern müssen, wie radikal er den gefesselten Riesen verändern will. Sollen die Sparten Festnetz und Mobilfunk stärker verzahnt werden, oder werden sie sich wie unter Ricke weiterhin fröhlich Konkurrenz machen? Stehen wieder Zukäufe im Ausland an, oder soll weiter gespart werden? Und: Wie viel Tempo soll beim Konzernumbau gemacht werden? Vieles spricht künftig für eine eher flottere Gangart. Obermann wird in diesem Falle die Stärke besitzen müssen, den dann folgenden Sturm der Entrüstung durchzustehen. Er hat den Bonus des frisch Gekürten. Den sollte er nutzen.

berni@handelsblatt.com

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