Kommentar: Die Pressefreiheit erlebt ihren 11. September

Kommentar
Die Pressefreiheit erlebt ihren 11. September

Nach dem kaltblütigen Anschlag von Paris lauern zwei Gefahren, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit auf dieselbe abschüssige Bahn führen: Die Kultur der publizistischen Verzagtheit und die Lust am Zurückschlagen.
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Zweimal versuchten islamische Terroristen, Kurt Westergaard umzubringen, dessen Mohammed-Zeichnung den dänischen Karikaturenstreit entfacht hatte. In ihrer Festrede bei der Verleihung des europäischen Medienpreises an Westergaard sagte Angela Merkel 2010: „Europa ist ein Ort, an dem ein Zeichner so etwas darf.“

Die Kanzlerin wurde gestern auf grausame Weise widerlegt. Europa ist nicht länger ein Ort, an dem ein Karikaturist „so etwas“ karikieren und ein Verleger „so etwas“ verlegen darf. Das europaweit verbriefte Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, im deutschen Grundgesetz sogar mit einer Ewigkeitsgarantie ausgestattet, wurde gestern auf kaltblütige Art suspendiert. In der laufenden Redaktionssitzung mähten islamische Terroristen Mitarbeiter der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ nieder. Die westliche Pressefreiheit erlebte gestern ihren 11. September.

Einsamkeitsgefühle kommen auf. Die bittere Erkenntnis des gestrigen Anschlags lautet: Die Pressefreiheit kann von keinem Parlament, keinem Sicherheitsapparat, nicht von der Kanzlerin und nicht vom Präsidenten der französischen Republik garantiert werden. Es gibt für die Pressefreiheit nur ein Garantieren durch Praktizieren. Das publizistische Restrisiko bleibt. Es kann auch nicht von der EZB in die Bücher genommen werden. Das eben unterscheidet uns von den Bankern: Risiko und Verantwortung bleiben in unserem Fall gekoppelt.

Zwei Gefahren lauern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit auf dieselbe abschüssige Bahn führen: Die Kultur der publizistischen Verzagtheit und die Lust am Zurückschlagen.

Die Extreme aller Länder sind heute Morgen in Empörung vereint. Munter wird das Abendland gegen das Morgenland, der Islam gegen das Christentum, das Fremde gegen das Bekannte in Stellung gebracht. Man könnte meinen, Pegida, Front National und die Salafisten arbeiten in derselben Munitionsfabrik. Ihr Ziel: Der religiöse Kulturkampf, ein Re-Import aus dem Mittelalter, soll auf den Marktplätzen des 21. Jahrhunderts ausgetragen werden.

Doch die Pressefreiheit wird nicht mit der Kalaschnikow verteidigt. Wir dürfen nicht zurückhassen. Die Kriegserklärung, die uns islamische Extremisten zur Unterschrift vorlegen, muss unsigniert bleiben. Journalistische Unabhängigkeit verbietet den Vergeltungsschlag. Eine Zeitungsredaktion ist eben nicht die Fortsetzung des Kulturkampfes mit publizistischen Mitteln.

Die andere Gefahr ist das Angsthaben und das Flüchten in die Fabelwelt der Political Correctness. Ein Journalist, der Probleme, auch solche der Ausländerintegration und der Zuwanderer-Kriminalität, nicht mehr Probleme nennt, der mit getönter Brille die Wirklichkeit bereist, macht sich selbst überflüssig. Unsere Rolle im großen Gerichtssaal des Lebens ist so vielfältig wie eindeutig: Wir sind manchmal Ankläger und manchmal Richter. Aber immer sind wir Zeuge.

Und manchmal sind wir leider auch Opfer. Wir trauern um Chefredakteur Stéphane Charbonnier und seine Mitarbeiter, die für die Pressefreiheit ihr Leben gelassen haben. Sie wussten, was sie taten. Und wir wissen es heute Morgen auch. Es klingt pathetisch und ist doch nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit: Ihr Tod ist unsere Verpflichtung.

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  • >> Die Pressefreiheit erlebt ihren 11. September >>

    http://www.schweizmagazin.ch/panorama/21859-Ihr-seid-nicht-Charlie.html

    http://pravda-tv.com/2014/06/01/911-ex-cia-pilot-sagt-unter-eid-aus-das-die-zwillingsturme-nicht-von-flugzeugen-getroffen-wurden-Video

  • wie kann das eigentlich sein, dass jemand mit einer Kalaschnikow und einem Raketenwerfer in eine von der Polizei geschützte Redaktion eindringt??

  • Zitat: "Risiko und Verantwortung bleiben in unserem Fall gekoppelt."

    richtig! Risiko aber eben auch Verantwortung. Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung zu übernehmen. nicht nur Verantwortung für sich selbst sondern auch die Verantwortung andere nicht in ihrer Freiheit einzuschränken.

    Wenn eine Religion verzeert in der Satire dargestellt wird, dann verletzt das diejenigen die an diese Religion glauben. Muss das sein?
    Ich mah Satire - ich verstehe sie nicht immer - aber auch Satire darf nicht verletzen. Worte und Bilder können sehr verletzend sein. Es ist Sache der Journalisten verantwortlich mit der Freiheit umzugehen!
    Es sollte Sache des Staates sein das Risiko zu minimieren.

    Kein Mensch hat das Recht andere zu töten, auch eine verletzende Satire gibt niemandem das Recht dazu!

    Aber die Pressefreiheit gibt auch niemandem das Recht rücksichtslos zu verletzen.

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