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Die Schatzmeister rücken an die Spitze

Finanzvorstände sind am Zug. Bei der Besetzung von Spitzenpositionen sind es immer häufiger sie, die aufrücken. Denn gerade seit der Krise ist Finanzexpertise noch stärker in den Mittelpunkt gerückt.
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Geld regiert die Welt - und Geldprofis regieren immer mehr Unternehmen. Schon wieder rückt ein Finanzvorstand an die Spitze eines Konzerns. Stephan Gemkow wechselt von der Lufthansa auf den Chefsessel von Haniel. Das verschuldete Familienunternehmen setzt auf ausgewiesene Finanzexperten als Unternehmenslenker: Erst im Januar stieg auch bei Haniel-Tochter Metro der bisherige Finanzvorstand Olaf Koch zum ersten Mann auf.

Chief Financial Officers (CFO) erklimmen längst nicht nur in Krisenunternehmen den Thron. Zählt man Peter Terium hinzu, der im Juli RWE-Chef Großmann beerbt, sind sechs der Dax-30-Chefs ausgewiesene Zahlenprofis: Neben Terium und Koch sind das Ulf Schneider von Fresenius, Karl-Ludwig Kley von Merck, Kurt Bock von der BASF und Norbert Steiner von K+S. Die meisten Chief Executive Officers (CEO) aber sind immer noch Vertriebsprofis und Ingenieure.

Doch nie standen die Chancen auf den Chefposten für Finanzspezialisten besser, sagen Personalberater. Denn zum einen befinden sich viele Unternehmen im Umbruch. Seit der Krise steht Finanzexpertise noch stärker im Mittelpunkt. Welche Folgen strategische Entscheidungen in Einkauf, Produktion oder Vertrieb auf Liquidität und Ergebnis haben - das im Blick zu behalten ist heute für CEOs wichtiger denn je.

Zum anderen ist die Aufgabenstellung des Finanzchefs erheblich vielfältiger und strategischer als früher. Die Zeiten sind vorbei, als er am Vorstandstisch nur Zahlen rapportieren durfte. Inzwischen fühlt sich der CFO als wichtigster Sparringspartner des CEO. In einer Umfrage von IBM unter 1900 CFO weltweit sagten 70 Prozent: "Wir haben erheblichen Einfluss auf zentrale Unternehmensentscheidungen."

Finanzvorstände treten deshalb selbstbewusster und ambitionierter auf als früher. Gemkow, Kley, Terium oder Thomas Rabe, der im Januar auf den Chefsessel von Bertelsmann wechselte - sie alle haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie sich zu Höherem berufen fühlen. Viele Schatzmeister geben sich nicht mehr mit der Rolle des ewigen Kronprinzen zufrieden. Jeder sechste von ihnen will innerhalb der nächsten zwei Jahre Vorstandschef werden. Das ergab eine Umfrage der Personalberatung Michael Page unter 2500 Finanzmanagern in Europa.

Viele Finanzvorstände bringen gute Voraussetzungen dafür mit: Sie haben auch breite Erfahrung im operativen Geschäft und im Ausland gesammelt. Stephan Gemkow etwa hatte bei der Lufthansa diverse operative Funktionen inne und war in den USA im Vertrieb tätig. Bei der Allianz läuft sich gerade Finanzvorstand Oliver Bäte für den Chefposten warm. Zuvor aber soll er sich noch als Regionalvorstand bewähren.

Eines ist klar: Auch wenn Unternehmen immer mehr über Zahlen gesteuert werden - Zahlenexpertise allein reicht nicht aus. Wollen CFOs als Chef reüssieren, müssen sie viel vom Kerngeschäft verstehen. Sie sollten strategischen Weitblick, Entscheidungsstärke und Überzeugungskraft mitbringen.

Etliche Zahlenprofis haben bewiesen: Sie können weit mehr als rechnen. Wer weiß denn noch, dass erfolgreiche CEOs wie Werner Wenning von Bayer oder Ulrich Lehner von Henkel lange Finanzvorstand waren?

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