Kommentar
Die Schweizer Gehälterbegrenzung ist nur vertagt

Das Votum ist ganz nach dem Geschmack der Schweizer Wirtschaft. Bei der Volksabstimmung über die Lohnbegrenzungs-Initiative 1:12 zeichnet sich eine deutliche Ablehnung ab. Ist das Thema damit vom Tisch? Sicher nicht.
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ZürichEin wichtiger Grund für die heftige Niederlage dürfte in dem Abstimmungszeitpunkt zu sehen sein. Denn im November herrscht an der Gehaltsfront Ruhe - die Topgehälter und die Boni-Pakete werden im Frühjahr im Zuge der Geschäftsberichtssaison erst publik. Hätte die Abstimmung im Mai statt gefunden, so hätte die Initianten von der neuerlichen Aufregung um Boni-Pakete und Top-Saläre profitieren können.

Dieser Effekt war ganz deutlich im Mai bei der Abzocker-Initiatve zu beobachten. Ohne das Bekanntwerden des 72-Millionen-Abschiedspaket für Daniel Vasella und die damit verbundende Entrüstung wäre die Initiative wohl kaum mit einer klaren zwei Drittel angenommen worden. Die Abzocker-Intiative stärkt die Aktionäre, diese müssen nun zwingend die Gehaltspakete absegnen.

Das Votum zeigt aber auch: die Schweizer bleiben skeptisch vor Staatsdirigismus. Und genau das hätte die 1:12 Initiative gebracht, einen staatlich verordneten Lohndeckel. Die Schweizer vertrauen weiterhin der Marktwirtschaft - auch in Gehaltsfragen. Noch.

Denn das Votum darf nicht dahin gehend missverstanden werden, dass die Schweizer in Sachen Manager-Löhne mit der Lage einverstanden sind. Eine kleine Zahl an internationalen Top-Managern entfernt sich immer mehr als vom als gesunden Maß verstandenen Gehaltsgefüge. Selbst politisch neutrale Studien zeigen, dass gerade in den Großkonzernen die Lohnungleichheit zugenommen hat. 

Es muss sich erst zeigen, dass mehr Transparenz und mehr Aktionärsrechte, die die Abzocker-Initiative bringt, diesen Trend stoppen kann. Sollte das nicht der Fall sein, dürfte die Lancierung der nächsten Volksinitiative in Sachen Manager-Gehälter nicht lange auf sich warten lassen.

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  • Nach den langjährigen Studien der Grundsätze und Prinzipien der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, die von Walter Eucken, Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard als Antwort auf die stalinistische Kaderfunktionärsplanwirtschaftsdiktatur und die rassistische-korporative Herrenmenschenkriegsplanwirtschaftsterrorismus gegeben wurde, kann wohl niemand ernsthaft die Legitimität und die Bestandsfähigkeit des heutigen Geldwirtschaftstotalitarismus am Beispiel der extremistisch-kriminellen Selbstbereicherung der sogen. Leistungsträger, Führungs-, Lenkungs- und Leitungskräfte ins Feld führen. Wer heute solches dennoch tut, gleicht jenen bedingungs- und kritiklosen Parteigängern der o.g. totalitären Systeme.

    Besitzstandsvandalismus, so wie er heute von der Mehrzahl der Vorstands- und Aufsichtsratskadern unserer Neuen Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland und der amerikanischen Plutocracy exekutiert wird, ist weder durch Realleistung dieser "Elite" gedeckt, noch mit realwirtschaftlicher Mehrwertschaffung zu finanzieren.

    Es bleibt bei den Worten von Erich Kästner, die er in seinem Gedicht "Ansprache an Millionäre" schon im Jahre 1928 veröffentlichte. Auch wenn viele von uns das so gar nicht wahrhaben wollen oder einzusehen im Stande sind.

    Bei den meisten von uns tritt die Wahrnehmung der Realitäten immer erst nach dem Zusammenbruch der Wunsch- und Wahnwelten ein und führt zu den gleichen Verwirrungen wie bei Erich Mielke, Günter Mittag und Erich Honecker.

  • Ich halte diese Initiative für sinnvoll, allerdings ist der bisherige Deckel zu niedrig. Das 12-fache des niedrigsten Einkommens ist einfach unrealistisch. Es stellt sich zu dem die Frage, wie man besondere Leistungen zusätzlich belohnt.
    Die Problematik liegt auch in dem Interessenskonflikt begründet, die der Chefposten in Konzernen so mit sich bringt. Vorstandschefs sind Söldner, die sich dem Meistbietenden andienen und auch schon mal die Seiten wechseln. Es sind eben keine Unternehmer, deren wohl und wehe mit ihrer Firma verbunden ist.
    Vielleicht sollte man diese Gehaltsdeckelung deshalb nur für angestellte Chefs vorsehen. Was vielleicht schon deshalb vorteilhaft wäre, weil dann Einige sich überlegen eher ein eigenes Unternehmen zu gründen oder zu kaufen, wenn sie denn wirklich das Zeug dazu haben, statt vornehmlich (Betriebs-) Politik und Poker zu betreiben.

    H.

  • Hier meldet sich ein Kommentator, der nicht deutscher Muttersprachler ist. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft. Klasse! Revenons à nos moutons: Lasst uns auf (unsere Schafe) auf unser eigentliches Anliegen zurückkommen: Vielleicht ist der Titel des Beitrags etwas unglücklich gewählt. Der Tenor stimmt schon. Das Thema wird uns wieder serviert werden. Die stetig wachsende Gehaltskluft stört nicht nur politisch links orientierte Schweizer. Auch die Mitte und selbst konservative Kreise haben ein Problem mit Exzessen. Wie man sie zurückdämmen, begrenzen oder befrieden könnte, da gehen die Meinungen in der Schweiz auseinander. Das Thema an sich haben viele Stimmbürger auf ihrer persönlichen Agenda. Mancher sieht Remedur in einem anderen Quotienten als 1:12, andere wiederum sind ganz gegen eine Deckelung bei den Einnahmen, könnten sich aber eine Modifizierung bei den (steuerlichen) Abgaben vorstellen, wiederum weitere Bürger nähmen lieber ein Mindestgehalt ins Visier, manche denken auch an eine Änderung der Erbschaftssteuer und nicht wenige sehen nicht ein, warum es eine Pauschalbesteuerung geben soll. Fazit: Die Schweizer sind ein recht lebhaftes Volk. Und disputieren auch darüber. So mancher, der gestern zu "1:12" mit Nein gestimmt hat, wollte nur einfach deutlich sagen: Nicht in dieser Ausformulierung. Das Thema allerdings bleibt virulent. Vor allen Dingen auch in der Mitte der Gesellschaft.
    Falls es jemand vergessen haben sollte: Die Schweiz ist immer noch eine recht schlaue und keineswegs wirtschaftsfeindliche Eid-Genossenschaft. Und dann das noch: Etwas idiotisch ist der Vorschlag mancher Foristen, man solle doch den derzeitigen HB-Korrespondenten aus der Schweiz abberufen. Da kommen einem nur die drei Affen in den Sinn: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Sehr schön

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