Kommentar
Die SPD verrät ihre Geschichte

Die Sozialdemokraten öffnen sich zur Linken. So hat es der Parteitag beschlossen. Doch diese Öffnung kommt zu einer Zeit, in der Täter und Opfer die Zwangsvereinigung noch längst nicht vergessen haben.
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Die erste Tat von Sigmar Gabriel nach seiner Wiederwahl als Parteivorsitzender ist ein Verrat an der Geschichte der Sozialdemokraten. Aus purem strategischen Kalkül heraus öffnet er die Bundespartei und reicht der Linken die Hand. Was aus ganz praktischen Gründen auf Landesebene bereits gang und gäbe ist, wird nun auch vom großen Vorsitzenden in Berlin gutgeheißen. Viel zu früh ist die SPD damit bereit, mit denjenigen gemeinsame Sache zu machen, die einst die Totengräber der Sozialdemokratie in Ostdeutschland gewesen sind. Mit denen, die die sich in einem Akt der Zwangsvereinigung die SPD einverleibten, um sie zu zerstören. Geschichtsvergessen ignoriert die SPD jene Opfer, die sie einst in ihren eigenen Reihen betrauerte.

Wer im Geschichtsbuch in den Herbst des Jahres 1945 zurückblättert, stößt auf eine Kommunistische Partei, die im zerstörten und von Besatzungsmächten kontrollierten Deutschland nach einer politischen Strategie sucht. Ihr Problem: Sie gilt als Moskau-hörig und ist deswegen politisch isoliert. Sie fürchtet die für 1946 angesetzten Wahlen zu verlieren. Ihre Idee: ein Zusammengehen mit der SPD zur Einheitspartei. Das würde Stimmen sichern.

Kurt Schumacher, der erste Vorsitzende der SPD im Westen Deutschlands nach dem Krieg, erkennt das Manöver. Er nennt es eine „große Blutspendeaktion“. In einem Beitrag für den Berliner „Tagesspiegel“ schreibt er damals über die Befürworter einer Vereinigung: „Sie übersehen dabei, dass für die kommunistische Politik wie für jede Art von Diktaturidee die Macht die eigentliche Substanz der Politik ist. Das zeigt den Weg, den eine vereinheitlichte Arbeiterbewegung gehen müsste, nämlich den der Eroberung der Macht durch die Führung der KPD.“

Schumacher behält Recht. Die sowjetische Militäradministration in Deutschland verbietet in der von ihr besetzten Zone eine Abstimmung über den Zusammenschluss. Stattdessen verordnet sie ihn – und Otto Grotewohl, Schumachers Kollege im Osten, vollzieht ihn auf einem „Vereinigungsparteitag“ im April 1946. „30 Jahre Bruderkampf sind zu Ende“, sagt Grotewohl.

Die Folge dieses angeblichen Friedens: Wer dagegen ist, wird als „Agent“ und „Faschist“ verfolgt. Nach Angaben später eingesetzter SPD-Historiker wurden in der sowjetischen Besatzungszone in der Zeit der Vereinigung der Parteien 20.000 ungefügige Sozialdemokraten „gemaßregelt, für kürzere oder auch sehr lange Zeit inhaftiert, ja sogar getötet“. Sie wurden, so schreiben die parteieigenen Historiker, „in Speziallager und Zuchthäuser geworfen“. 1948 erklärt die Führung der SED, die aus der Zwangsvereinigung hervorgegangen ist, den „Sozialdemokratismus“ zum „Hauptfeind“.

Zwei Generationen sind seither in Deutschland aufgewachsen, zwei Generationen haben regiert oder sind regiert worden. In der ersten reichten sich die Sozialdemokraten hier und die SED’ler jenseits der Mauer nicht einmal die Hand. Die zweite schaute sich skeptisch an. Darf die dritte nun alle Berührungshemmungen über Bord werfen und sich umarmen?

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Die Sozialdemokratie ist unglaubwürdiger geworden

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  • Typisch linker Zynismus.
    Abgesehen davon, dass die Zahl der Opfer linker Politik in der DDR deutlich über 150 liegt - die Verbrechen der Nazis können in keinem Fall als Rechtfertigung von Verbrechen der Linken dienen.
    Ihre Argumentation verrät linke Menschenverachtung.

  • Aber selbstverständlich!
    Ein Blick nach Frankreich würde genügen, um zu erkennen, dass die Alternative zu Niedriglöhnen (+Aufstockung) nicht "höhere Löhne", sondern "höhere Arbeitslosigkeit" heißt.

  • KURT SCHUMACHER - DEUTSCHER NATIONALIST UND SOZIALIST

    Leute wie Kurt Schumacher hätten in der heutigen SPD keinen Platz mehr.
    Wirtschaftspolitisch sind sie zu links, und gesellschaftsüolitisch zu rechts.

    Kurt Schumacher , der gegen die Nazis gekämpft hat, ist aus der Sicht der heutigen SPD ein "Rechtsextremist" und "Nazi", ganz einfach weil er ein deutscher Nationalist war (er bevorzugte das Wort "Patriot), sich für die Familie einsetze, und die Konzepte wie Multikulturalismus und Gener-Ideologie Schumacher ebenso fremd waren wie die Worte.

    Für Schumacher bedeutete internationaler Sozialist zu nicht, nicht das eigene Volk, die europäischen Kulturkreis und die eigene Kultur zu hassen und zu bekämpfen.

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