Kommentar
Differenzieren und definieren

Die Antisemitismus-Konferenz in Berlin ist nicht die erste ihrer Art. Und sie darf nicht die letzte sein. Schließlich ist, wie Joschka Fischer treffend formuliert, Judenfeindlichkeit wie jeglicher Fremdenhass und Rassismus eine Kampfansage an die Grundwerte unserer Gesellschaft.

Allerdings: Soll die Abwehrstrategie, die auf Dauer angelegt sein muss, Erfolge zeitigen, dann darf sich der Konferenzreigen nicht in einer Repetition von Selbstverständlichkeiten, im Wiederholen von Klagen und Anklagen erschöpfen. Die Strategie muss eine offensive – und eine ehrliche – sein. Es gilt zwingend, präzise zu definieren, was Antisemitismus ist und was nicht.

Leider erleben wir in diesen Tagen auch das Gegenteil: Wenn die jüdische Antidiffamierungsliga in ihrer jüngsten Studie zu dem Schluss kommt, dass antisemitische Einstellungen in Deutschland leicht zurückgegangen seien, aber von über einem Drittel der Bürger geteilt würden, so ist dies kaum aussagekräftig. Denn eine Statistik, die Antworten auf völlig unterschiedliche Fragen – nämlich nach der generellen Einstellung zu Juden, aber auch zu Israel allgemein und speziell zur Haltung der Regierung Scharon im Nahost-Konflikt – unter Antisemitismus subsumiert, führt nicht nur in die Irre, sie ist auch unfair. Es muss differenziert werden.

Wer Ariel Scharons politische und militärische Taktik gegenüber den Palästinensern in Zweifel zieht, darf eben nicht automatisch des Antisemitismus geziehen werden. Die schärfsten Kritiker findet man doch in Israels Opposition. Auch der oft zu hörende Vorwurf der Einseitigkeit bei der Beurteilung des Nahostkonflikts sticht nicht. Ben Gurion, Golda Meir, Itzhak Rabin haben Kriege gegen Araber geführt – und konnten sich auf das Wohlwollen fast aller Demokratien verlassen.

Kein vernünftiger Mensch stellt Israels Recht auf Sicherheit in Frage, kein vernünftiger Mensch heißt palästinensischen Terror gut – und das gilt eben auch für von Scharon angeordnete gezielte Tötungen. Dies ist kein Aufrechnen von Schuld, kein Messen mit zweierlei Maß. Es geht um die jeweils getrennte moralische Wertung. Wer dies als Antisemitismus brandmarkt, um Scharon zu stützen, gerät auf gefährliche Abwege: Er verharmlost den wirklichen Antisemitismus.

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