Kommentar
Ein deutscher Champion

Ihre großen Zeiten hat die deutsche Pharmaindustrie längst hinter sich. Kein einziges Unternehmen der Branche spielt international noch ganz vorn mit. Da stehen heute Namen wie Pfizer (USA), Novartis (Schweiz) oder Sanofi (Frankreich). Deutschland als Apotheke der Welt hatte spätestens Mitte des letzten Jahrhunderts ausgedient.

Kein Wunder, dass sich Branchengrößen von einst mittlerweile in ausländischem Besitz befinden: Hoechst, Boehringer Mannheim oder auch die Pharmasparte der BASF. Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung des Familienkonzerns Merck, den Konkurrenten Schering zu schlucken, gleichbedeutend mit dem Versuch, die deutsche Pharmaindustrie vor einem weiteren Bedeutungsverlust zu schützen. Die beiden Firmen kommen zwar kombiniert noch nicht einmal unter die Top Ten der weltgrößten Pillendreher. Dennoch entstünde ein neuer Kristallisationspunkt in Deutschland.

Das ist zu begrüßen, auch wenn wir in diesem Zusammenhang den verwendeten Begriff des „nationalen Champions“ nicht mögen. Denn er wird nur zu gern von Protektionisten in den Mund genommen, die derzeit in Europa auf dem Vormarsch sind. Es wäre indes auch sachlich falsch, den allein auf Marktprinzipien basierenden Angriff von Merck auf Schering mit politisch eingefädelten Fusionsvorhaben wie jenem zwischen den französischen Versorgern Suez und Gaz de France zu vergleichen. Während es Merck darum geht, durch den Zukauf Weltgeltung zu erlangen, will sich Suez mit Hilfe der Regierung in Paris vor einer unerwünschten Übernahme aus dem Ausland schützen. Es ist ein großer Unterschied, ob „nationale Champions“ aus offensiv marktorientierten oder aus defensiv nationalistischen Motiven heraus entstehen.

Jenseits der politischen Debatte könnte der Deal Merck-Schering für Unternehmen anderer Sektoren sogar ein Vorbild sein. Überall dort, wo Märkte sich weiter internationalisieren und die kritische Masse steigt, ist das Entstehen größerer Einheiten ein Imperativ. Kleinteiligkeit und Zersplitterung ist beispielsweise bei den hiesigen Banken oder im Maschinenbau ein echter Wettbewerbsnachteil.

Andere Branchen, beispielsweise die deutschen Versorger, haben gezeigt, welche Muskeln man sich durch Konsolidierungswellen zulegen kann: Der jüngste Versuch von Eon, den spanischen Versorger Endesa zu kaufen, dokumentiert dies eindrucksvoll. In Schlüsselbereichen sollte eine breit aufgefächerte Volkswirtschaft wie Deutschland auch Schlüsselunternehmen besitzen. In vielen Märkten – wie dem für Computer oder bei der Unterhaltungselektronik – ist dies nicht mehr der Fall. In der Pharmaindustrie sollte das anders sein.

Und nebenbei: Dass es sich bei Merck-Schering um einen feindlichen Übernahmeversuch handelt, zeugt von der zunehmenden Reife des Standorts Deutschland. Als vor nicht einmal zehn Jahren Krupp versuchte, sich Thyssen gegen den Willen des dortigen Managements einzuverleiben, war der Aufschrei groß. Es entsprach einfach nicht den Regeln des wohl temperierten rheinischen Kapitalismus, in angelsächsischer Manier das Gesetz des Stärkeren anzuwenden. Das Ergebnis dieser „Wildwest-Episode“ ist bekannt: Mit Thyssen-Krupp entstand später der einzige deutsche Stahlhersteller, der international noch eine bedeutende Rolle spielt.

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