Kommentar
Ein neuer Tonfall

Die SPD huldigt ihrem neuen Vorsitzenden. Die 99 Prozent, mit denen Matthias Platzeck gewählt wurde, sind Autosuggestion. Die SPD wollte an diesem Punkt Geschlossenheit demonstrieren, obwohl sie noch mit ihrem neuen Vorsitzenden fremdelt.

Ein starkes Ergebnis für Platzeck war das einfachste Mittel für die Sozialdemokraten, um die Spaltung und Zerstrittenheit der vergangenen Wochen zu übertünchen, die in der Demontage des Vorsitzenden Franz Müntefering gipfelten. Bei der Wahl der Stellvertreter hielten die Illusionskünstler auf dem Parteitag die scheinbare Harmonie schon nicht mehr durch.

Wofür Matthias Platzeck steht, weiß die SPD kaum besser als die breite Öffentlichkeit. Seine Bewerbungsrede hat aber wenigstens klar gemacht: Er ist ein hervorragender Rhetoriker mit eindeutigem Führungsanspruch auch gegenüber den Gewerkschaften. Wohin er die Sozialdemokraten führen will, ist allerdings noch nicht endgültig klar. Immerhin hat Platzeck eine neue Grundmelodie vorgegeben. In komprimierter Form klingt sie so: Die Partei soll sich nicht auf ihren alten Gewissheiten ausruhen, sondern die Globalisierung annehmen und als Chance begreifen – und dafür arbeiten, dass das Land vorankommt. Anders als seine Vorgänger fischt der neue Vorsitzende nicht mit wohlfeilen Attacken auf das Kapital nach Applaus. Er kann Pathos, fordert aber Leistung in einer Sprache, die nicht nach administrativem Pflichtprogramm klingt, ohne sich in sozialdemokratischem Biedermeier zu verlieren.

Platzeck ist ein möglicher Modernisierer. In den kommenden Wochen muss er konkreter werden. Dann wird man sehen, ob der neue Ton eine neue Politik trägt und der Auftakt zur Realitätsbewältigung durch die SPD ist, die sie unter Schröder zäh verweigert hat. Nostalgische Volksparteien kann die Republik sich nicht mehr leisten.

Platzeck startet mit einem Nachteil: Er sitzt nicht in der Regierung und führt nicht die Fraktion. Eine bundespolitische Tribüne und die Macht in der Partei muss er sich noch erobern, trotz seines Traumergebnisses.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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