Kommentar
Ein normales Unternehmen

Die Zeit der nationalen Marktführer geht zu Ende. Europäischen Champions gehört die Zukunft. An diesem Trend wird auch der gestrige Tag nichts ändern, an dem ein großer Wurf verhindert worden ist: das weitere Zusammenrücken der europäischen Rüstungs- und Luftfahrtindustrie.

Die beteiligten Akteure konnten sich leider nur zu einer französischen Lösung durchringen: Alcatel bringt seine Satellitensparte in den halbstaatlichen Thales-Konzern ein. Das Thales-Management verhinderte vorerst eine große Lösung, die auch die deutsch-französisch-spanische EADS mit eingeschlossen hätte. Man kann vermuten, dass Jacques Chirac ein Wörtchen dabei mitredete.

Dabei wäre die Dreierkombination mit EADS wirtschaftlich viel vernünftiger gewesen: Erstens hätten alle wichtigen europäischen Satellitenhersteller ihre Aktivitäten unter einem Dach gebündelt und dadurch wie Airbus im zivilen Flugzeugbau eine gewaltige Schlagkraft entwickelt. Zweitens – und das ist noch wichtiger – hätte EADS im Rahmen des Geschäfts eine wesentliche Kapitalbeteiligung an Thales erhalten mit der Option, über kurz oder lang ganz mit dem französischen Konzern zu fusionieren. Ein europäischer Riese im Rüstungsgeschäft wäre die Folge gewesen, eine starke Konkurrenz für die noch immer übermächtigen amerikanischen Rüstungshersteller.

Diese Chance wurde zunächst einmal vertan. Nationale Egoismen standen wieder einmal sinnvollen Lösungen im Wege. Wenn aber alle Beteiligten (auch die Regierungen) ihre kleinkarierten Bedenken über Bord werfen, könnte ein zweiter Anlauf doch noch erfolgreich verlaufen. Bewegen müssten sich dafür aber nicht nur die Franzosen. Auch Daimler-Chrysler als Kernaktionär der EADS müsste bereit sein, das sorgsam austarierte Gleichgewicht zwischen Deutschen und Franzosen zur Disposition zu stellen. Das wird nicht leicht, schließlich dominiert dieses Thema das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahre 2000. Anders als sein Vorgänger Jürgen Schrempp hat aber der jetzige Vorstandschef Dieter Zetsche keine Bindungen an EADS. Außerdem will er die Konzentration auf das Fahrzeuggeschäft vorantreiben. Daher könnte Zetsche leichter akzeptieren, dass die deutsche Seite in die Minderheit geriete, sollten EADS und Thales tatsächlich zusammengehen.

Um dieses Zugeständnis aber auch der Bundesregierung abzuringen, muss die französische Seite glaubhaft machen, dass sie einem vereinigten Konzern EADS-Thales völlige Unabhängigkeit gewähren würde. Frankreich müsste den geringsten Verdacht staatlicher Dominanz beseitigen. In diesem Zusammenhang ist der von den Kernaktionären Daimler-Chrysler und Lagardère angekündigte Teilrückzug aus dem EADS-Aktionärskreis eine gute Nachricht: Die Anzahl der frei gehandelten Aktien wird sich kräftig erhöhen. Künftig wird mehr als die Hälfte des Kapitals in den Händen internationaler Investoren liegen. So etwas prägt die Unternehmenskultur. EADS könnte und sollte endlich ein normales Unternehmen werden.

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