Kommentar
Ein PR-Desaster nicht nur für Talanx

Der geplatzte Börsengang des Versicherungskonzerns ist nicht nur eine Blamage für die eigene Chefetage. Vor allem die betreuenden Banken haben wohl jeden Bezug zur Realität verloren. Ein Kommentar.
  • 8


Nach 15 Jahren Ankündigung war Talanx vergangene Woche am Ziel angelangt, Herbert Haas konnte endlich seinen Traum verkünden: „Allenfalls ein überraschender Schock wie 2011 das Erdbeben in Japan könnte unsere Pläne ins Wanken bringen“, sagte der Vorstandschef am Sonntag in einem Zeitungsinterview. „Unsere Pläne“, damit war der Börsengang gemeint, den das Unternehmen am 3. September angekündigt hatte. Ein Plan, den das Unternehmen keine zehn Tage später wieder begraben hat. Statt über einen Ausgabepreis nachzudenken, brütet die Chefetage nun darüber, wie sie die Blamage möglichst klein halten kann.

Das Initial Public Offering (IPO) hätte dieses Mal nicht besser passen können: Das Halbjahresergebnis übertraf mit 354 Millionen Euro Nettogewinn jegliche Erwartungen. Gerade die Sparten Industrie- und Rückversicherung, die eine stabile Ertragsquelle sind, lief es besonders rund. Zudem expandierte der Konzern nach Osteuropa und Lateinamerika, um unabhängiger zu sein vom europäischen Markt. Auch im Umfeld stimmte alles: Der Deutsche Aktien-Index (Dax) erreichte just in diesen Tagen ein 14-Monats-Hoch. Die Entscheidung der EZB, Staatsanleihen in unbegrenztem Umfang aufzukaufen, wird den Dax weiter stabilisieren.

Dann war am Rande eines Versicherungsmeetings in Monte Carlo bereits kolportiert worden, dass das Unternehmen bereits auf Werbetour in Europa und den USA unterwegs sei, um bei Großinvestoren für eine Talanx-Aktie zu werben.
Und genau da hat es nun gekracht. Der Mehrheitseigner des Talanx-Konzerns, der HDI Versicherungsverein, war noch zu einem Abschlag von 20 Prozent auf den Unternehmenswert von über fünf Milliarden Euro bereit gewesen, die Aktie schmackhaft zu machen. Doch Investoren sollen noch zehn Prozentpunkte weniger gefordert haben. Hätte man das nicht vorher wissen können?

Eigentlich ja. Jeder Konzern tut gut daran, sich vor dem Sprung aufs Parkett beraten zu lassen. Das machen in der Regel große Banken, im Falle Talanx waren es die Deutsche Bank, Citi und JP Morgan. Sie sollen rausfinden, wie groß die Nachfrage sein könnte und der sich daraus ergebende Preis. Da das Ganze für die großen Finanzinstitute quasi ein Alltagsgeschäft ist, machen sie das meist über mathematische Hochrechnungen. Anhand dieser haben die Berater vergangene Woche Montag Talanx eine voraussichtliche Preisspanne genannt, mit denen der Versicherer gut leben konnte. Vorstandschef Haas, aber auch Wolfram Schmitt, Leiter der Abteilung Investor Relations bei dem Versicherungskonzern, schienen so davon überzeugt gewesen zu sein, dass sie noch am selben Tag den geplanten Börsengang verkündet haben.

Doch als diese Woche das erste Mal Menschen statt Maschinen mit den gewünschten Werten konfrontiert worden waren, zeigte sich, dass nichts davon stimmte, was man sich in Hannover erhofft hatte. Ob in Frankfurt, London, Paris oder New York: Keiner der angesprochenen Investoren war bereit, auch nur annähernd den errechneten Preis zu zahlen. Der geplatzte Börsengang ist daher auch eine Blamage der drei übermütigen Institute, die den Traum von Talanx-Chef Haas endlich wahr machen sollten. Sie haben sich entweder alles schöngerechnet, oder einfach keine Ahnung davon gehabt, was Investoren momentan von Versicherungsaktien halten.

Der Makel der Fehlberechnung wird voraussichtlich noch länger an den Instituten hängen bleiben – zumal Schmitt selbst zuletzt bei der Deutschen Bank gearbeitet hatte, in derselben Position wie jetzt bei Talanx.
Ob Haas sich den Traum vom Börsengang überhaupt noch erfüllen kann, bleibt derweil offen: Es heißt, die Absage sei beschlossene Sache, das Thema endgültig vom Tisch.

Ozan Demircan ist Auslandskorrespondent und hat deutsche und türkische Wurzeln.
Ozan Demircan
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Kommentar: Ein PR-Desaster nicht nur für Talanx"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Schlechte Vorbereitung auf den Börsengang, schlechte Restrukturierung, schlechtes Management! Herr Haas, wann werden Sie auf die Straße gesetzt? Ich hoffe bald, denn WIR wollen Sie und Ihre Kollegen schon lange nicht mehr!!!

  • Pfui! MIitarbeiter werden wie Dreck behandelt, auf die Straße gesetzt mit KInder... Und Hr. HAAS und Co. Schaufeln sich die Taschen voll! Fremdschämen angesagt!

  • @Marktadler

    Kleiner Hinweis... die Banken bekommen kein Honorar

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%