Kommentar
Eine Frage der Moral

Die Entsendung einer multilateralen Schutztruppe in das libanesisch-israelische Krisengebiet gilt in außen- und sicherheitspolitischen Zirkeln schon fast als ausgemachte Sache.

Welche Konturen eine solche Mission haben wird, welche Staaten Kontingente in welcher Stärke stellen werden, ist zwar noch offen. Gleiches gilt für die Terminierung der Operation. Ziemlich sicher ist aber, dass sie vom Uno-Sicherheitsrat ein „robustes“ Mandat erhalten wird, das auch Kampfeinsätze erlaubt. Die Frage, ob sie nun direkt unter dem Kommando der Uno oder unter dem der Nato stehen soll, ist zweitrangig.

Je realistischer die Entsendung der Schutztruppe erscheint, desto lebhafter wird hier zu Lande die Debatte über eine Beteiligung deutscher Soldaten. Doch das Ergebnis steht im Grunde genommen bereits fest: Sie müssen dabei sein. Dies insbesondere dann, wenn Israel offen oder auch diskret ein entsprechendes Ersuchen an die Bundesregierung adressieren wird. Und damit sollte man in Berlin durchaus rechnen.

Denn in Jerusalem widmet man sich diesem Thema recht pragmatisch. Man weiß, dass die Freunde auf diesem Globus gerade auf Grund der grausamen Bilder aus dem Libanon rar sind. Folglich wird man geneigt sein, die Deutschen, die doch stets fest an der Seite Israels stehen, ganz konkret in die Pflicht zu nehmen. Und dieser darf sich die Bundesrepublik nicht entziehen. Wenn in Jerusalem von einer großen Chance für Deutschland gesprochen wird, mit einem solchen Militäreinsatz einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat ein Stück näher kommen zu können, dann mag man dahinter zwar ein dickes Fragezeichen setzen. Diplomaten werden dies aber als Ausrufungszeichen hinter dem israelischen Wunsch nach einem deutschen Engagement interpretieren.

Sicher kann und muss man auf die Geschichte, auf den Holocaust, verweisen. Aber gerade deshalb kann man sich einem israelischen Wunsch nach einem tatkräftigen Engagement nicht verweigern. Esgeht um eine höchst moralische Verpflichtung.

Der Hinweis, deutsche Soldaten dürften aus ebendiesen historischen Gründen nie auf israelische Soldaten schießen, keine deutsche Kugel dürfe je israelischen Boden treffen, ist zweifellos richtig. Aber er klingt in der aktuellen Situation doch scheinheilig, zumindest ausweichend. Denn es ist keineswegs zwingend erforderlich, dass Verbände der Bundeswehr in eine zwischen dem Libanon und Israel zu schaffende Pufferzone verlegt werden müssen.

Ein wichtiges Aktionsfeld bietet das libanesisch-syrische Grenzgebiet. Dort muss gewährleistet werden, dass künftig keine Waffen mehr in das Zedernland gelangen. Auch die Bereitstellung von Logistik, Kommunikation und medizinischer Versorgung für die in der Pufferzone operierenden Verbände aus anderen Ländern ist eine notwendige, weil Konflikte entschärfende Aufgabe.

Auf keinen Fall darf man sich in Berlin auf das Argument zurückziehen, die Bundeswehr werde durch einen Einsatz imNahen Osten materiell und finanziell überfordert. Wer dazu bereit und fähig ist, in vielen Krisengebieten vor Ort Friedensdienst zu leisten, der darf an einem der heißesten Brandherde dieser Welt nicht kneifen. Es wäre ein politisches und humanitäres Armutszeugnis.

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